42 Milliarden Jahre – Episode 1

Gastbeiträge

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Als Gregor eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fühlte er sich in ein monströses Insekt verwandelt. „Ich schlafe noch ein wenig weiter“, dachte er im Halbschlaf, aber seine dünnen Spinnenärmchen und –beinchen aus dem Traum hinderten ihn daran, eine bequeme Stellung einzunehmen. Erinnerungsfetzen an eine Alptraumwelt wirbelten durcheinander – seltsame Maschinen, Computer mit fremdartigen Keyboards. Sie waren Versuchstiere in einem schrecklichen Experiment gewesen … einem Experiment der Evolution … er selbst, Arthur, das Team … alle in Käfer verwandelt. Sie krabbelten durcheinander auf ihren dünnen Beinen, es zirpte, knisterte, raschelte, wenn Panzer sich dehnten und Fühler einander berührten, um seltsame Botschaften auszutauschen.

Gregor stand auf und streckte sich. Der Rücken tat ihm weh. Nur langsam verschwanden die Traumreste. Intelligente Käfer – welch grässliche Vorstellung. Er bereitete sich ein reichhaltiges Frühstück zu, das ihn in die Wirklichkeit zurückholte, dann machte er es sich in der VR-Suite bequem. Sender und Brille fuhren in Position. Phosphene blitzten auf der Netzhaut, als die Oculus sein Irismuster scannte. Dann das vertraute Gefühl des Schwebens, während die Terahertzwellen des Senders seine Neuronen transcranial stimulierten.
Der Workspace errschien – Gregor befand sich im Testlabor von EvoSim. Er setzte sich an seinen virtuellen Schreibtisch, öffnete den virtuellen Laptop, ging seinen Vortrag durch, trank einen virtuellen Kaffee. Zu salzig; die Neuronen im gustatorischen Kortex waren schwer zu stimulieren. Am Geschmack müssen sie noch arbeiten, dachte er beiläufig, während er die Einladungsliste scrollte. Alles, was Rang und Namen hatte, würde da sein. Auch manche, die er nicht zu seinen Freunden zählte.
Das Labor für Early Earth Simulation, dessen Leiter er war, war Teil von EvoSim, einem Jahrhundertprojekt, von der EU lanciert, nachdem die beiden anderen großen Fragen der Menschheit – die Funktionsweise des Gehirns und die dunkle Energie – bereits von China und den USA besetzt waren. EvoSim sollte die letzte große Frage, die Frage nach dem Leben, beantworten. Aber das Projekt war nach hohen Erwartungen an eine Hürde gestoßen, die unüberwindbar schien. Bis sein genialer Mitarbeiter Arthur, genannt der Zahn, eine Lösung vorgeschlagen hatte. Und über diese würde er, Gregor Samsa, heute vortragen.

Routinemäßiges Briefing im Newsroom. Gregor checkte ein letztes Mal seinen Avatar, den die Präsentations-App wie immer zu perfekt gestylt hatte, strich eigenwillig eine Haarsträhne in die Stirn. Dann schaltete er das Auditorium dazu. Da saßen sie, die Avatare der Wichtigen und derer, die sich dafür hielten – der Wissenschaftsminister ganz vorn (der vielleicht in der VR-Suite einer seiner Gespielinnen lag), neben ihm der Scientific Officer des Projekts, die Auswahlkommission, EU-Delegierte, Uni-Direktoren und Dekane, Freunde, Kollegen und Neider, PR-, Ethik- und Gleichbehandlungsbeauftragte. Und da war auch sein Team – Arthur, Rosalind, Jakob, die Technikerinnen und Sekretäre.
„Geehrter Herr Minister, Magnifizenzen, geschätzte Kommission, liebe Freunde und Kollegen, meine Damen und Herren“, begann er, „Seit vielen Jahren suchen wir die Antwort auf die Frage aller Fragen, nämlich die nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Wir sind ihr sehr nahe gekommen – zumindest was das Leben betrifft. Sein Konzept ist ja schon im Periodensystem der Elemente enthalten. Nun“ – an dieser Stelle fügte er stets eine Pause ein, betrachtete die Zuhörer freundlich, aber auch ein wenig kritisch, als frage er sich, ob sie ihn verstanden – „Leben ist Natur. Diese schlichte Erkenntnis, die wir Charles Darwin verdanken, diese Wahrheit, verehrte Damen und Herren, ist die Idee hinter EvoSim, wie Sie sicherlich wissen. Wir kennen die Gleichungen zur Beschreibung der Natur. Und daher kennen wir auch die Gleichungen zur Beschreibung des Lebens. Wir können dank mächtiger Quantencomputer eine Zelle programmieren. Es ist uns gelungen, die gesamte Zellmaschinerie, dieses Netzwerk aus molekularen Maschinen, Signalwegen, Botenstoffen, Lese- und Schreibprozessen an der DNA, diese gigantische Fabrik in Computercode zu übersetzen.
Unser Code hat erfolgreich die Entstehung aller Zellbestandteile nachvollzogen. Wir können die Transkription der genetischen Information in Proteine simulieren, wir kennen die intra- und interzellulären Signalwege, die zum Wachstum und zur Entstehung organisierter Zellverbände führen. Darwins Evolutionstheorie wurde aufs Glänzendste im Computer bestätigt. Wir können neue Organismen im Quantenrechner planen und danach im Labor konstruieren. Bekanntlich hat EvoSim zum Sieg über Krebs und Erbkrankheiten geführt. Virusepidemien, diese Schrecken der vorvirtuellen Epoche, gibt es dank softwaregestützter Produktion von Antikörpern schon lange nicht mehr. Wie Sie wissen, war die letzte große SARS-Pandemie ein technologischer Game Changer. Um die jahrelange Quarantäne der Menschen erträglicher zu gestalten, wurde die transkraniale Terahertztechnik entwickelt, ohne die wir heute nicht hier sitzen würden.“
Er breitete die Arme aus, um alle versammelten Avatare einzubeziehen.
„Kurz, wir verstehen die Mechanismen des Lebens, wir können das Wachstum jedes beliebigen Organismus simulieren. Es gibt nur ein kleines Problem: Wir wissen nicht, wie das Leben entstanden ist.“
Er legte eine Pause ein. Das Publikum brauchte Zeit, um das zu begreifen.

„Es ist nämlich so: wir haben zwar die exakten Gleichungen, wir haben das Wissen, die Schöpfungsgeschichte nachzuerzählen, aber wir haben nicht die Zeit, die die Natur hatte. Wir können das Geschehen auf der jungen Erde in unseren Computern exakt nachbilden, jede chemische Reaktion unter allen möglichen physikalischen Bedingungen ablaufen lassen. Aber um zu simulieren, was dort biochemisch eine Milliarde Jahre lang geschehen ist, um schließlich aus einer Brühe organischer Moleküle die erste lebende Zelle zu erzeugen, müssten unsere schnellsten Quantenrechner einige hundert Milliarden Jahre laufen.“
Gemurmel kam auf. Er hob die Hand, wie um Ruhe einzufordern, aber es war natürlich ein Siegeszeichen.
„Sie haben richtig gehört: ich sagte einige hundert Milliarden Jahre. Die Erde ist viereinhalb Milliarden Jahre alt, das Universum existiert seit knapp fünfzehn Milliarden Jahren. Meine Damen und Herren, hundert Mal die Zeit seit dem Big Bang – ich weiß, das scheint absolut unmöglich. Aber mein Team hat einen Weg gefunden. Wir werden einen Oracle bauen – eine Maschine, die fast unendlich schnell rechnet. Wir werden die erforderlichen hundert Milliarden Jahre Rechenzeit auf einige Tage verkürzen.“
In das Schweigen der Verblüffung rief jemand: „Nonsense!“
Bevor die Stimmung kippen konnte, sprach Gregor rasch weiter.
„Ich rufe den Rektor in den Zeugenstand.“
Der blickte verunsichert. „Magnifizenz, ich bitte zu bestätigen, dass die ehrenwerte Kommission das Projekt genauestens geprüft hat. Es genügt den strengsten wissenschaftlichen Vorgaben. Es ist genehmigt, es ist auf Schiene!“
Und wieder der Zwischenrufer: „Scharlatanerie! Milliarden werden da vergeudet, um vergeblich den Beginn des Lebens zu verstehen. Hybris! Nur Gott kann das!“
Jetzt erkannte er den Störenfried. Es war Watson, sein Konkurrent und Widersacher.
„Doktor Watson, wenn ich nicht irre. Danke, dass Sie gekommen sind. Es ist Ihr gutes Recht, an Gott zu glauben – und an das Scheitern unseres Projekts. Forschung ist immer offen. Herr Kollege, ich schlage Ihnen daher eine Wette vor: Wenn wir bis Jahresende kein Ergebnis haben, schenke ich Ihnen ein Jahresabo von nature. Oder die Bibel, ganz wie Sie wollen.“
Einige im Saal grinsten, es entstand jene labile Stimmung zwischen Amusement und Empörung, die auf eine Entladung wartet. Watson entgegnete: „Die Wette gilt, Herr Kollege. Sollte ich mich irren, werde ich Sie für den Nobelpreis nominieren.“
In den aufkommenden Applaus ergänzte er laut: „Für Literatur, selbstverständlich.“

Am Tag darauf war alles bereit. Arthur, der Zahn (so genannt, weil er jede Hypothese zerlegte und gewissermaßen bis auf den Knochen abnagte) erwartete das Team ungeduldig: Gregor, Rosalind, Jakob und Watson.
„Wollnwirdann“, sagte Arthur, auf einen metallisch schimmernden Block, etwa drei mal drei Meter groß, deutend. Mächtige Kabelbäume liefen wie Arterien aus dem Gehäuse zu summenden Maschinen; fast schien es, als pulsierten sie. An der Front des Würfels prangte ein Spitzbogenportal. Es gab keine Türen, man sah direkt ins Innere, ohne etwas erkennen zu können. Die Öffnung schimmerte wie die flirrende Luft einer Fata Morgana. Im Tympanon thronte eine aus Stein gemeißelte Gestalt – der Mathematiker Tarski, wie Arthur dem Team erklärt hatte. Zu seiner Linken Alan Turing, zur Rechten Kurt Gödel. Gregor schmunzelte. Ein verrückter Hund, dieser Arthur.
„Wie lange sollen wir in diesem Käfig schmachten?“, mäkelte Watson.
„Dreitagmaxi Oraclesimulierzehnhochneunjahre.“
„Aha. Gibt es Duschen? Und Stockbetten? Vermutlich werden wir im Stehen schlafen?“
„Keine Sorge“, beruhigte Gregor „Wir sind nur tagsüber hier.“
„Dasistnbanachtarskicube habihnprogrammiertunausprobier… echtspacig dringibtskeine­stockbettn.“
„Was sagt er?“ fragte Watson.
Gregor übersetzte: „Arthur will sagen, das ist eine VR-Umgebung, die er selbst programmiert hat. Ein zyklischer Banach-Tarskiwürfel1https://en.wikipedia.org/wiki/Banach/Tarski_paradox; S. Banach, A. Tarski, „Sur la décomposition des ensembles de points en parties respectivement congruentes“. Fundamenta Mathematicae 6: (1924), pp 244-277., der innen doppelt so groß ist wie außen, darin befinden sich weitere, die ihn jedesmal, wenn wir weiter vordringen, verdoppeln. Wir haben ein virtuelles Areal von rund zehn Quadratkilometer für unser Experiment.“
Watson nickte sarkastisch. „Natürlich. Es ist ja alles gefaked.“
In drei Tagen ist es vorbei, dachte Gregor genervt. Der Rektor hatte auf Druck der Medien zugestimmt, bei dem Experiment einen unabhängigen Experten zuzulassen, und selbstverständlich bot sich Professor Dr. Watson für diese Kontrollfunktion an. Watson, einer der weltbesten Käferexperten, war Direktor des Triple-E, des Instituts für Experimentelle Evolutionsethik. Dessen Aufgabe war es, Experimente mit computeroptimierten Lebewesen zu überwachen. Nicht zufällig war Watson der Direktor des Triple-E. Das Militär hatte über Jahre heimlich Scarabäen genetisch modifiziert, um sie zu vergrößern und als Drohnen und Kamikazeflieger einzusetzen. Viele der von den Computern vorgeschlagenen Optimierungen scheiterten im Experiment. Die Populationen verendeten, vernichteten einander, nahmen überhand und wurden rücksichtslos entsorgt, bis Watson davon Wind bekam und Alarm schlug. Vermutlich war Watson wegen der gescheiterten Experimente von der Existenz Gottes überzeugt, der in seiner Weisheit das Richtige getan hatte, als er die beste aller schlechten Welten schuf.

Arthur voran, betraten sie den zyklischen Würfel. Ihm folgten Rosalind, Jakob und Watson. Gregor wartete und beobachtete, wie das virtuelle Labor sie einsaugte, als wären sie auf einer Reise ohne Wiederkehr. Je tiefer sie ins Portalgewände eindrangen, desto kleiner wurden sie, wie von einer Fisheye-Optik perspektivisch verzerrt. Watson blieb kurz stehen, blickte hoch, um die Inschrift über dem Portal zu lesen. Keine Panik stand da in einer Girlande über den drei Mathematikern. Watson schüttelte den Kopf und schrumpfte beim Weitergehen. Er sieht aus wie ein Mistkäfer, schoss es Gregor durch den Kopf.

Fortsetzung folgt.

Peter Schattschneider ist Physiker und Schriftsteller. Er arbeitet als Universitätsprofessor an der Technischen Universität Wien mit Forschungsschwerpunkt Elektronenmikroskopie. In seinen Erzählungen thematisiert er regelmäßig die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft. Er publizierte zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze und Monografien sowie vier Science-Fiction-Romane und -Erzählbände, unter anderem bei Suhrkamp.
Seine jüngste Publikation ist Hell Fever (Hinstorff Verlag 2019).

Der vorliegende Text wurde kurz vor COVID-19 als Zukunftspandämonium mit Motiven von Franz Kafka, Douglas Adams, Alan Turing und Kurt Gödel konzipiert und in der Quarantäne vollendet.

Die Text- und Bildrechte dieses Beitrags liegen bei Peter Schattschneider.

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