42 Milliarden Jahre – Episode 2

Gastbeiträge

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Manchmal übertrieb der Zahn mit seinen barocken Programmspäßen, aber man konnte ihm nicht gram sein. Gregor passierte als letzter das Tor. Sein Schrumpfen nahm er nicht wahr. Stattdessen poppten die Rippen des Portalgewändes jedesmal, wenn er tiefer in den zyklischen Würfel eindrang, auf doppelte Größe auf, und dabei öffnete sich der Innenraum nach und nach zu einer riesigen Halle, deren Wände und Decke sich in fernem Nebel verloren. Und verloren standen sie da in der großen virtuellen Leere, die auf Anweisungen wartete.

„Wir bauen den Oracle jetzt in dieser Welt auf“, wandte sich Gregor an Watson. „Er ist sofort betriebsbereit und wird uns hier einen zehn Quadratkilometer großen Ausschnitt der jungen Erde, kurz nach der Abkühlung der Erdkruste präsentieren.“
Er nickte Arthur zu, der auf seinem Tablet tippte. Vor ihnen baute sich der Oracle auf – ein Tisch mit zwei massiven Zylindern im Abstand von zwei Metern. Die graue Oberfläche der Zylinder funkelte wie mit Abertausenden mikroskopischen Diamanten bedeckt. Dazwischen Laboroptik, Linsen, Prismen und Laser. Flüssiger Stickstoff siedete in den Kühlcompounds, Kryopumpen stampften, Schwaden von Wasserdampf schlichen über die Tischplatte. Auf dem linken Zylinder stand in verschnörkelter Schrift „Dare“, auf dem rechten „Win“.
„Ein Wortspiel“, nickte Watson anerkennend.
„Ganz recht. Das ist DareWin, unser Oracle“, erläuterte Gregor „Das Kernstück ist diese Tachyonen-Laserstrecke zwischen den Rechnern. Dort senden wir Information aus jedem Rechenschritt von Dare einige Nanosekunden in die Vergangenheit von Win, dessen Ergebnis dadurch fast sofort nach der Anweisung zur Verfügung steht. Genauso in die Gegenrichtung, sodass Dare fast augenblicklich weiterrechnet und immer so weiter. Die Strecke ist so eingestellt, dass DareWin eine Milliarde Mal mehr Operationen ausführen kann als ein normaler Quantenrechner.1https://en.wikipedia.org/wiki/Qubit; S. Aaronson, „Quantum Computing since Democritus“. Cambridge University Press 2013. ISBN 978-0521199568. Wir nennen ihn in Anlehnung an die Arbeiten des Informatikers Alan Turing Oracle.“
„Und wie soll das funktionieren?“
„Tachyonensuperluminal“, murmelte Arthur, ohne von seinem Tablet aufzublicken. Die beiden Zylinder, auf massiven Schwungrädern stehend, begannen sich um ihre Achsen zu drehen.
„Arhur hat Tachyonen programmiert“, übersetzte Gregor geduldig. „Überlichtschnelle Teilchen. Mit Tachyonen kann man Information in die Vergangenheit senden, wie Gregory Benford vor fast einem Jahrhundert gezeigt hat2G. Benford, D. L. Book, W. A. Newcomb, „The Tachyonic Antitelephone“, Physical Review D. 2 (1970), pp 263-265.. Selbstverständlich geht das in der Realität nicht, hier aber ist vieles möglich.“
Schnell und schneller drehten sich die Benford’schen Schwungräder, das Diamantenfunkeln verwischte die Zylinder zu Schemen im Nebel, die Laserstrecke leuchtete, Piezoquarze summten hochfrequent, als der Oracle hochfuhr und das Einstein’sche Universum mit virtuellen Tachyonen flutete.
„Und jetzt?“ fragte Watson ungeduldig.
„Lade BeeCees“, antwortete Arthur, als wäre das evident, weiter mit seinem Tablet beschäftigt.
„Er wird jetzt die Randbedingungen der frühen Erde laden“, übersetzte Gregor. Arthur könnte ein klein wenig kommunikativer sein, dachte er. Aber das war eben der Preis eines autistischen Genies.

Düsteres Rot ersetzte das neutrale Grau der virtuellen Decke. Eine schroffe Felslandschaft baute sich vor ihnen auf – Geröllhalden und Pfützen zwischen Monolithen, Canyons und dampfenden Seen. In der Ferne ein rauchender Vulkanschlot, glühender Auswurf fiel vom Himmel.
„Simläuft“. Arthur legte das Tablet ab und verschränkte die Arme.
„Wir befinden uns am Beginn des Archaikums, sechshundert Millionen Jahre nach der Entstehung der Erde“, erklärte Gregor. „Die Sonne hat nur die Hälfte ihrer heutigen Leuchtkraft, der Mond ist ganz nah, die Gezeitenkräfte kneten den Erdball durch.“
„Wie Pizzateig?“ vermutete Watson.
„Genau. Deshalb der Vulkanismus, massive Plattentektonik, Extremklima.“
Eine Brise blies warme Luft vorüber. Es stank nach faulen Eiern. Watson holte sein Stecktuch aus der Brusttasche und hielt es sich vor die Nase. Den Geruch des Archaikums hätten sie nicht simulieren müssen, dachte er missgelaunt. Er umrundete den Oracle, begutachtete einen mannshohen Felsen, ganz in der Rolle des Kontrolleurs aufgehend.
„Verblüffend“, murmelte er, an Arthur gerichtet „Aber das ist alles nur virtuell!“
Arthur reagierte selbstverständlich nicht auf diese banale Feststellung. Jakob antwortete spöttelnd: „Scharf beobachtet, Herr Professor. Genauer befinden wir uns hier in einer virtuellen REALITÄT.“
Watson machte eine wegwerfende Handbewegung und trat nach dem virtuellen Felsen. Als dieser nicht nachgab, kehrte er zur Gruppe zurück, bemüht, sein Humpeln zu verbergen.
„Verblüffend“, wiederholte er. „In der Tat.“
„Es ist nicht nur die Oculus-Brille, die uns diese Welt simuliert“, erklärte Rosalind geduldig. „Der Terahertzsender in Ihrer VR-Suite, wo Sie es sich bequem gemacht haben, Dr. Watson,“ – sie deutete vage zum Portal – „stimuliert jene Neuronen in Ihrem Cortex, die feuern würden, wenn Sie real nach einem harten Gegenstand treten.“ Sie grinste. „Keine Sorge, der Schmerz ist nur virtuell.“

Sie lächelte den grummelnden Watson an, nahm ein Eprouvettenkit vom Labortisch und kletterte über die ansteigenden Felsen. „Ich nehme einige Proben; Sie könnten mir behilflich sein“, rief sie ihm zu. Watson folgte ihr unwillig.
Die Ausbeute waren einige Dutzend Röhrchen, gefüllt mit trüber Brühe in Giftgrün bis Rostrot. Rosalind war mit ihrem Helfer tief in den Würfel eingedrungen, um Proben aus zahlreichen Tümpeln zu ziehen. Watson schien von dem Ausflug erschöpft. Er klopfte sich virtuellen Staub von den makellosen Hosenbeinen und legte sein Stecktuch auf den Labortisch.
„Das war‘s für heute“, erklärte Gregor. „In den Proben erwarten wir jede Menge Aminosäuren, keine großen Überraschungen. Morgen wissen wir mehr.“ Das Team schickte sich an, den Kubus zu verlassen.
„Und was passiert in der Zwischenzeit?“, fragte ihr Aufpasser.
„Arthur programmiert den Oracle jetzt auf Normgeschwindigkeit. Über Nacht werden hier dreihundert Millionen Jahre im Zeitraffer ablaufen. Vielleicht sehen wir morgen ein paar Stromatolithen.“
„Sagten Sie nicht, wir wären in zwei Tagen fertig?“
„Theoretisch. Aber wir wollen nichts übertreiben.“
„Theoretisch“, wiederholte Watson sarkastisch. „Verzeihen Sie einem dummen Experimentator, aber haben Sie’s jemals probiert?“
Gregor seufzte schicksalsergeben. Es war Watsons Aufgabe, lästige Fragen zu stellen.
„Im Test lief er dreimal so schnell, aber wie bei jeder Maschine halten wir auch hier einen Sicherheitsfaktor ein.“
„Was geschieht denn, wenn Sie ihn hochdrehen?“
„Halteproblem.“ Dies kam von Arthur.
„Wie bitte?“
„Es ist heikel“, erklärte Gregor. „Schneller heißt beim Oracle, die Information zwischen Dare und Win jeweils noch tiefer in die Vergangenheit zu senden. Wenn wir sie so weit in die Vergangenheit senden, wie ein Rechenschritt dauert, dann laufen unendlich viele Operationen in endlicher Zeit ab. Wir nennen das die Turing-Singularität. Wenn wir sie erreichen, wäre das Halteproblem3https://en.wikipedia.org/wiki/Halting_problem; A. Turing, „On computable numbers, with an application to the Entscheidungsproblem“, Proceedings of the London Mathematical Society, Series 2, Volume 42 (1937), pp 230-265. lösbar.“
„Aha“, nickte Watson verständnislos.

„Wenn unendlich viele Rechenoperationen in endlicher Zeit ablaufen, dann könnten alle mathematischen Aussagen als wahr oder falsch klassifiziert werden. Das ist jedoch logisch unmöglich, wie Gödel und Tarski vor langer Zeit gezeigt haben4https://en.wikipedia.org/wiki/Gödel’s_incompleteness_theorems; K. Gödel, „Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwandter Systeme, I“, Monatshefte für Mathematik und Physik, 38 (1931), pp 173-198. https://en.wikipedia.org/wiki/Tarski’s_undefinability_theorem; A. Tarski, „Der Wahrheitsbegriff in den formalisierten Sprachen“. Studia Philosophica 1 (1936), pp 261-405.. Daher würden wir an der Turing-Singularität eine Paradoxie erzeugen.“
„Ah ja, Paradoxie!“ Watson nickte, scheinbar beeindruckt. Er hat nichts verstanden, dachte Gregor.
Jakob mischte sich ein. „Ein Experiment, Herr Professor? Kommen Sie!“
Watson kam misstrauisch zum Labortisch. Jakob tippte Befehle. „Ich weise jetzt Dare an, eine Zufallszahlenfolge an Win zu senden. Sie wird dort neun Millisekunden früher ankommen als sie gesendet wurde. Gleichzeitig drossle ich die Taktfrequenz auf hundert Hertz, damit kein Paradox entsteht.“ Er tippte einen Befehl ein.
Auf den beiden Monitoren links und rechts am Tisch erschienen Dokumentsymbole. Jakob öffnete sie. Es waren zwei gleiche Ziffernfolgen. Watson beäugte sie misstrauisch.
„Na gut, aber das war ja fast gleichzeitig. Neun Millisekunden sind nicht aufregend“, kritisierte Watson.
„Sie wollen es deutlicher?“ Jakob drehte an dem Benfordregler, und die Schwungräder begannen bedrohlich zu dröhnen, als sie beschleunigten. Auf einer Anzeige, die wie ein Drehzahlmesser aussah, näherte sich der Zeiger dem Ende des grünen Bereichs. Gregor sah besorgt zu, als Jakob die Taktfrequenz am Keyboard entsprechend weiter reduzierte, um kein Zeitreise-Paradox zu erzeugen. Diesmal erschien das Dokument einen Wimpernschlag früher auf dem Monitor von Win. Watson verglich die Zahlen wieder misstrauisch mit jenen von Dare. Sie waren gleich.
„Hmm. Schon besser. Und wenn Sie den Regler weiter hochfahren würden? Bis zu dieser – äh – Singularität?“
„Wenn wir die Turing-Singularität überschreiten, würden wir höchstwahrscheinlich den Oracle zerstören“, übernahm Gregor das Gespräch, bevor Jakob etwas Unüberlegtes tun konnte. „Die Natur lässt keine Paradoxien zu. Technisch gesehen, würden uns vermutlich die Schwungräder um die Ohren fliegen.“
„Vermutlich“, wiederholte Watson nachdenklich, als die Gruppe das Labor verließ. Draußen reichte ihm Rosalind mit spitzen Fingern sein Stecktuch, das er auf dem Tisch liegen gelassen hatte.
„Hübsches Motiv“, lobte sie den schillernden Scarabäus auf dem Tuch. Er knüllte es zusammen und bedankte sich verlegen.

Watson starrte misstrauisch auf DareWin. Die Monitore zeigten die seit dem Start der Simulation abgelaufene Zeit – 180 Millionen Jahre – 181 – 182 …. Die Szenerie der frühen Erde änderte sich mit rasender Geschwindigkeit. Jahre waren auf Millisekunden komprimiert – Gebirge stiegen im Zeitraffer auf und zerfielen zu Staub, Sintfluten und Lavaströme tanzten um die Wette, der Himmel war tiefrot mit sekundenlangen Ausbrüchen von grün, gelb und orange.
Es war ganz einfach gewesen: Nach Mitternacht war niemand im Workspace unterwegs, und mit seinem Badge hatte er das virtuelle Labor problemlos betreten.
Die Geschichte mit den Nachrichten in die Vergangenheit hatte ihm keine Ruhe gelassen. Auf einem Computermonitor konnte alles Mögliche gebastelt werden. Das Ganze war ein Schwindel, davon war er überzeugt. Schließlich ging es um enorme Subventionsgelder, die den anderen Gruppen entzogen wurden, um sie in das blödsinnige EvoSim zu buttern.
Er drehte vorsichtig an dem Regler, der die Nachrichten angeblich tiefer in die Vergangenheit sandte. Der Zeiger überschritt die Grenze zum gelben Bereich. Die virtuellen Berge, Ebenen und Meere vor ihm wurden hektisch.

Watson hatte einen Plan. Wenn DareWin mit der Vergangenheit kommunizierte, dann sollte das auch ohne den ominösen Zufallsgenerator funktionieren. Er wollte selbst eine Nachricht in die Vergangenheit senden. Er rief den Texteditor von Dare auf, wie Jakob das getan hatte, und öffnete ein neues Dokument. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass auf dem Monitor von Win ein Dokument erschien. Er tippte „1707“, das Geburtsjahr von Carl von Linné, und wartete, bis Dare das Dokument in die Vergangenheit schickte. Dann ging er zu Win und öffnete das zuvor erschienene Dokument: „1707“ stand da.
War das Dokument tatsächlich erschienen, bevor er es abgeschickt hatte? Er misstraute dieser virtuellen Computerei. Er drehte weiter am Regler, und der Gesang der Schwungräder wurde einen Deut nervöser. Er brauchte noch einen Versuch. Öffnete ein neues Dokument auf dem linken Monitor, überlegte. Was sollte er in die Vergangenheit senden? Es mussten keine Zahlen sein. Eine Nachricht vielleicht?
Auf dem rechten Monitor erschien ein Dokument. Ok, jetzt konnte er den Schwindel auffliegen lassen. Er schrieb spontan Scarabaeus sacer, das war sein Lieblingskäfer, der heilige Pillendreher. Das Dokument wurde abgeschickt. Dann öffnete er das rechte File.
Scarabaeus sacer
stand da.

Es war eindeutig. Aber es war unmöglich. Das Ding konnte nicht vorher wissen, was er schreiben würde. Er drehte wieder am Regler. Die Kryopumpen hämmerten auf Höchstlast, Flüssigstickstoff spritzte über die Tischplatte, die drohende Szenerie der archaischen Erde aus Felsen, Vulkanen und Tsunamis war zu einem flirrenden Nebel zerronnen. Er musste sich etwas Längeres ausdenken, etwas Interessantes…
Auf dem Bildschirm von Win erschien ein Dokument. War es das, was er in einigen Sekunden schreiben würde? Er öffnete es und las:
Wie sind die Saurier ausgestorben?

Verblüffend, daran hatte er gerade gedacht. Etwas, das er schon immer wissen wollte. Die Vulkanismusthese, der Yukatan-Meteorit – das überzeugte ihn nicht. Nur der Eingriff des Schöpfers konnte so gewaltige Veränderungen am Ende des Mesozoikums ausgelöst haben.
Und wenn er nichts schrieb? Was würde dann passieren? Dann konnte er diese Nachricht nicht empfangen haben. Der ganze Schwindel würde auffliegen.
Ein leeres Dokument wurde in die Vergangenheit geschickt und löste ein Paradoxon aus.

Fortsetzung folgt.

Peter Schattschneider ist Physiker und Schriftsteller. Er arbeitet als Universitätsprofessor an der Technischen Universität Wien mit Forschungsschwerpunkt Elektronenmikroskopie. In seinen Erzählungen thematisiert er regelmäßig die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft. Er publizierte zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze und Monografien sowie vier Science-Fiction-Romane und -Erzählbände, unter anderem bei Suhrkamp.
Seine jüngste Publikation ist Hell Fever (Hinstorff Verlag 2019).

Der vorliegende Text wurde kurz vor COVID-19 als Zukunftspandämonium mit Motiven von Franz Kafka, Douglas Adams, Alan Turing und Kurt Gödel konzipiert und in der Quarantäne vollendet.

Die Text- und Bildrechte dieses Beitrags liegen bei Peter Schattschneider.

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