42 Milliarden Jahre – Episode 3

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Am nächsten Tag erschien Watson nicht zum vereinbarten Treffen vor dem Kubus. Gregor versuchte vergeblich, ihn zu erreichen. Weder seine Angehörigen noch seine Mitarbeiter wussten, wo er war. Als das Team den Würfel betrat, ahnte Gregor, dass etwas nicht stimmte. Die Simulation lief viel zu schnell, die Szenerie war im extremen Zeitraffer zu einer Nebelwand zerflossen. Es roch nach überlasteter Elektronik.

Jakob stürzte sich auf DareWin, drehte die Frequenz wieder in den grünen Bereich. Der Nebel verflog, die Wüstenlandschaft stabilisierte sich.
„Jemand hat hier gepfuscht“, stellte er fest und hob ein Stecktuch mit Scarabäusmotiv vom Boden auf.
„ScarabäusWatsonKäfer“, befand Arthur.
Er überprüfte den Oracle und bestätigte, dass Watsons Wahnsinnsaktion ihn nicht beschädigt hatte. Gregor beschloss, zur Tagesordnung überzugehen und sich später um Watson zu kümmern. Der würde ein Disziplinarverfahren bekommen, den Job verlieren und hoffentlich im Gefängnis landen.
Arthur war mit DareWin beschäftigt. Er murmelte Unverständliches, schüttelte den Kopf, seine Hände zitterten. Rosalind beruhigte ihn.
„Zweiundvierzig. Zweiundvierzig“, flüsterte er ungläubig.
„Was meint er?“ wollte Gregor wissen. Jakob überprüfte das Tablet.
“Der Irre hat die Simulation beschleunigt. DareWin hat nicht 500 Millionen Jahre durchgespielt, sondern zweiundvierzig Milliarden.“
Gregor brauchte einige Zeit, um das zu verarbeiten. Zweiundvierzig Milliarden Jahre Evolution unter den Bedingungen der jungen Erde. Das war dreimal das Alter des Universums. In dieser Zeit musste das Leben zehnmal, vielleicht hundertmal entstanden sein. Es war genial. Fast war er Watson dankbar für dessen Wahnsinnstat. Rosalind würde reiche Ausbeute machen, wenn sie in der Aufzeichnung der Simulation nach Leben suchte. Es musste sogar jetzt zu finden sein – nach so langer Zeit mussten sich selbst in der schwefel- und kohlenstoffreichen Atmosphäre höhere Lebensformen entwickelt haben.
Er blickte sich nach Rosalind um, aber die war schon mit ihrem Kit den Hang hinaufgelaufen und winkte ihnen siegesgewiss zu. Kein Zweifel, sie würde exotische Lebensformen finden.

Als sie nach einer Stunde den geröllbedeckten Hang erschöpft herunterstolperte, ahnte Gregor Schlimmes.
„Nichts“, bemerkte sie nur und und ließ das Laborkit fallen.
„Was, nichts?“
„Nirgends höhere Formen. Ich hab‘ die Proben analysiert.“ Sie deutete auf das Kit, das schuldbewusst in einer Ecke harrte. „Jede Menge Aminosäuren, auch rechtsdrehende, alles, was nötig ist, um eine Zelle zu bauen. Aber da ist nichts sonst.“
„Was? Keine Stromatolithen? Kein einziger Prokaryot?“
„Nichts. Kein einziger dummer Prokaryot.“
Arthur startete die Analyse der Aufzeichnung – zweiundvierzig Milliarden Jahre wurden auf die Entstehung von Lebensformen durchkämmt. Sie warteten, hofften, aber das Universum schwieg. Die Gleichungen, welche die Natur beschrieben, die Gleichungen, die alles wussten, was sich im materiellen Kosmos abspielte, gaben eine klare Antwort: Die Natur hatte kein Leben vorgesehen. Nicht in einer Milliarde Jahren, nicht in drei, nicht in drei Lebenszyklen des Universums.
Arthur sprach es als erster aus. „FalsifizierungnachPopper Hypothesewiderlegt.“
Sie hatten dank Watson widerlegt, dass Leben aus der Ursuppe der organischen Chemie gemäß den Naturgesetzen entstanden war. Ein klassisches Schlüsselexperiment. Genauso wie seinerzeit Experimente die Newton’sche Physik widerlegt und durch Relativitätstheorie und Quantenmechanik ersetzt hatten.
Die Folgen waren nicht auszudenken. Gregor sah schon die Schlagzeilen – „EvoSim erfolgreich: Evolution widerlegt!“ Berühmtheit, Forschungsgelder, Nobelpreis oder zumindest die Fields-Medaille.
Sie schwiegen betroffen, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt.
„Dann war‘s doch Gott“, äußerte Jakob schließlich. Es sollte sarkastisch klingen, aber seine Stimme war unsicher.
„GameMaster“, warf Arthur ein. „Simulationquadriert.“ Er begann zu kichern. „SimSim wieDareWin wieSimSimSim…“ Ein Lachanfall überfiel ihn.
Rosalind und Jakob starrten einander verständnislos an. Gregor hatte verstanden.
„Er meint, dass das gesamte Universum vielleicht eine Simulation ist“, sagte er. „Wenn Leben nicht schon im Bauplan der Natur vorgesehen war, es aber trotzdem existiert, ist das Universum kein geschlossenes System. Etwas greift hier ein. Es gibt ein Außen, was auch immer das bedeutet. So wie es außerhalb unseres Banach-Tarskiwürfels etwas gibt. Welt am Draht, Computer, Gott, GameMaster oder Simulation, das sind nur Wörter.“

Watson wachte aus kurzer Bewusstlosigkeit auf. Irgendjemand hatte ihn niedergeschlagen. Oder vielleicht hatte ihn ein virtueller Gesteinsbrocken am Kopf erwischt, und er hatte virtuell das Bewusstsein verloren. Oder vielmehr hatte er sein virtuelles Bewusstsein verloren. Vermutlich flogen auch virtuelle Steine im Zeitraffer schneller.
Er lag auf weicher Unterlage. Eine Decke – sie hatten eine Decke auf den felsigen Untergrund gelegt, um ihn zu schützen. Zum ersten Mal bereute er, was er getan hatte – der nächtliche Einbruch in das Labor, die Manipulation des Oracle. Jetzt stand er dumm da – oder lag, vielmehr.
Es war keine Decke. Er lag auf einem matschigen Boden aus halbverfaultem Moos. Er blickte sich um – niemand war da. Kein Labortisch mit DareWin, zum Glück auch nicht dieser Angeber Samsa, kein Arthur, dieses Genie, das eigentlich in eine Anstalt gehörte. Jakob war der einzig vernünftige in dem Team, und die Biologin hatte nette Titten.
Er blickte auf seine Uhr – die Ohnmacht war nur kurz gewesen. Er musste schleunigst weg, bevor ihn jemand bemerkte. Er raffte sich auf, wischte Schlamm von seinen feuchten Hosen, suchte vergeblich sein Stecktuch, um sich die Hände zu säubern. Es musste ihm beim Sturz aus der Brusttasche gefallen sein.
Es war kalt. Die Szene hatte sich geändert, die schroffen Felsen waren verschwunden. Hügel mit verdorrtem Gras, verkohlte Baumreste, Tümpel, moosige Flecken. In der Ferne ein Gebirgskamm, hinter den Bergen brannte es. Rauch stieg in einen grünen Himmel auf, schwarzer Rauch vor glutrotem Horizont. Die Sonne drang kaum durch, tauchte die Landschaft in fahles Zwielicht.

Das ist nicht die frühe Erdgeschichte, erkannte Watson. Die Simulation hatte einen Riesenschritt gemacht, während er bewusstlos lag. Natürlich, er hatte das Ding ja ordentlich hochgedreht. Erst jetzt bemerkte er einen massigen Kadaver, keine hundert Meter entfernt, halb im Morast versunken. Er näherte sich dem Ufer, wo mehrere verendete Tiere lagen. Abgemagert, krank sahen sie aus, einige stark verwest, andere mit Fraßspuren – alles Saurier. Da war ein Triceratops, kleinere Sauropoden, die er nicht bestimmen konnte, ein Ankylosaurus mit Keulenschwanz, riesengroß wie ein aufgeblasenes Gürteltier, und ein Tyrannosaurus. Die Kadaver lagen am Ufer oder im Wasser.
Kein Zweifel, er befand sich am Ende des Mesozoikums – der Blütezeit der Dinosaurier, ganz wie er es gewollt hatte. Fantastisch, dachte er und wunderte sich beiläufig über den außerordentlichen Zufall, dass er gerade zur rechten Zeit in der laufenden Simulation aufgewacht war.
Es wirkte beeindruckend echt, aber das Ganze war virtuell, man durfte nicht zu ernst nehmen, was Computer produzierten. Der Großbrand jenseits der Berge – war er dem angeblichen Einschlag des Yukatan-Meteoriten geschuldet? Ruß und Schwefel verdunkelten den Himmel. Klimaänderung, Pflanzen starben aus, danach die großen Pflanzenfresser, und letztendlich verendeten auch die Carnivoren vor Kälte und Nahrungsmangel. So ging jedenfalls die Theorie.
Er trat ans Ufer, schöpfte Wasser mit der hohlen Hand, kostete und spie es gleich wieder aus. Es war kein Wasser, sondern eine bittere, nach Schwefel stinkende Brühe. Saurer Regen hatte die Süßwasserreserven verdorben. Die Tiere waren verendet, weil sie davon getrunken hatten.

Er erkundete den Uferstreifen, wobei er weitere Kadaver fand, Saurier und seltsame mausartige Säugetiere, bevor er Richtung Ausgang marschierte, den er auf der dem See abgewandten Seite vermutete. Dabei stolperte er über einen Erdhaufen, in dem sich etwas bewegte. Er scharrte die Erde mit dem Fuß zur Seite, und zum Vorschein kam eine Wohnhöhle. Zwei mausartige Nager hatten es sich darin gemütlich gemacht. Sie ließen sich nicht stören, knabberten weiter an etwas Glitzerndem herum. Er bückte sich – es war ein Scarabäus sacer, der sich verzweifelt wehrte, gefressen zu werden. Zornig griff sich Watson eine der Mäuse und drehte ihr den Hals um. Die andere glotzte ihn erstaunt an und sprintete quiekend davon. Der Pillendreher lag am Rücken, seine zarten Beinchen suchten nach Halt. Watson hielt ihm den Finger hin, und sein Lieblingskäfer krallte sich dankbar fest, um auf eine schützende Hand gehoben zu werden.
Watson streichelte die schillernden Deckflügel des Mistkäfers. Ein schönes, kräftiges Exemplar – drei-, viermal so groß wie das größte, das er je gesehen hatte. Er überlegte kurz, das Prachtexemplar mitzunehmen, aber das war ja Unsinn, er befand sich in einer virtuellen Umgebung. Sachte setzte er den kleinen Kerl auf den Boden, wo er sofort begann, eine Mistkugel zu drehen. Nun war es höchste Zeit, die Simulation zu verlassen. Die Sicht war schlecht durch den Rauch und die Schwefeldünste. Er stapfte weiter in Richtung des vermuteten Ausgangs.

Aber er sollte ihn nicht finden. Es gab keinen Ausgang. Er wusste nicht, dass er in einem Paradoxon gefangen war, das er selbst erzeugt hatte. Und er wusste nicht, dass die Maus, der er soeben den Hals umgedreht hatte, außergewöhnliche Gensequenzen aufwies, die zum Aufstieg der Säugetiere im Paläogen und letztendlich zum homo sapiens geführt hätten. Der gerettete Pillendreher besaß allerdings auch Supergene, alle Weibchen würden sich um ihn reißen, was in ferner Zukunft entscheidende Auswirkungen haben sollte.

Sie waren seit Stunden im Würfel gefangen. Alle Versuche, ihn zu öffnen, waren vergeblich. In zwei Teams hatten sie die Grenzen ihrer kleinen Welt Meter für Meter untersucht, um einen Ausgang zu finden, aber da war nichts als das blanke Metall der Wände. Arthurs Versuch, über DareWin die Steuerung der VR-Umgebung zu kontrollieren, war gescheitert.
Dunkle Wolken kündigten ein Unwetter an. Es donnerte und blitzte in der Ferne. Ein Pillendreher rollte eine kleine Kugel vor sich her.
„Plapperkäfer!“ rief Arthur aufgeregt und hüpfte von einem Bein aufs andere. Als niemand reagierte, beruhigte er sich. Lange saßen sie schweigend auf dem Felsboden.
Schließlich sprach Jakob aus, was alle dachten: „Etwas will verhindern, dass wir unser Wissen preisgeben.“
„Oder jemand“, ergänzte Rosalind.
„Etwasjemandniemand SimSimistganzschlimm“, intonierte Arthur, den Oberkörper vor- und zurückwiegend.
Sie hingen düsteren Gedanken nach. Rosalind brach das Schweigen. „Nehmen wir an, wir veröffentlichen unsere Erkenntnis. Auf den Punkt gebracht: Die Entstehung des Lebens ist ein Wunder. Was wäre die Folge?“
„Die Menschheit würde Scharlatanen, Heilspropheten und Verschwörungstheoretiker zum Opfer fallen. Revolutionen, religiöser Wahn, Bürgerkriege – die Welt würde in Chaos versinken. Das kann nicht zugelassen werden. Es würde den Plan stören“, spekulierte Gregor.
„Welchen Plan?“
„Den Masterplan des – dieses Etwas, einer Übersimulation vielleicht.“
„Die Wahrheit würde viral gehen. Deshalb sind wir hier in Quarantäne.“
Arthur nickte ernsthaft. „SimSim“, bekräftigte er, dann sprang er auf und beugte sich über den Oracle. Mit einer Handbewegung beorderte er Jakob zu sich. Sie diskutierten leise, während sie Logfiles studierten.
„Wollt ihr wissen, was passiert ist?“ Jakob wandte sich ihnen zu. „Watson hat ein Paradox erzeugt. Er hat den Benfordregler hochgedreht, ohne die Taktfrequenz zurückzunehmen, und den Oracle über die Turing-Singularität beschleunigt. Damit konnte er Information in die Vergangenheit senden. Die Files sind noch da. Er hat gelesen, was er in einer Minute schreiben würde und hat es dann nicht geschrieben. Er hat also etwas getan und nicht getan – die Simulation war in einem Zwischenzustand wie ein Qbit. DareWin hat das Problem gelöst, indem er Watson eliminierte – vielleicht hat er ihn in eine andere Zeit versetzt.“

„Machenwirauch“, lachte Arthur und rieb sich die Hände wie ein Kind, das sich auf ein Abenteuer freut.
„Moment mal“, warf Gregor ein. „In eine andere Zeit? Ich will nicht beim Urknall landen.“
„Andersrum andersrum! DareWinweg Simulationaus.“
Es war ganz einfach. Er wollte die Startroutine für den Oracle in die Vergangenheit senden, und zwar an einen Zeitpunkt, bevor DareWin aufgebaut war. Der Rechner würde zu rechnen beginnen, bevor er zu rechnen beginnen konnte. Die Simulation musste zusammenbrechen.
Und so machten sie es. Die Anweisung an DareWin lautete, die Simulation am Morgen des Vortags zu starten, bevor der Oracle im Kubus entstanden war.
Der GameMaster löste das Paradoxon auf seine Art.

Als Gregor an jenem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fühlte er sich in einen monströsen Fleischklumpen verwandelt. „Ich schlafe noch ein wenig weiter“, dachte er im Halbschlaf und glättete seine zarten Flügel. Erinnerungsfetzen an eine Alptraumwelt wirbelten durcheinander – seltsame Maschinen, Computer mit fremdartigen Keyboards. Sie waren Versuchstiere in einem schrecklichen Experiment gewesen … einem Experiment der Evolution … er selbst, Arthur, das Team … alle in nackte aufrechtgehende Säugetiere verwandelt. Wabbelndes Fleisch, glibbriges Fett, Glotzaugen, Hautlappen statt Fühler an den Seiten grotesk wackelnder Köpfe. Ihre Münder öffneten sich schmatzend und gaben ihr schleimiges Innenleben preis, um zischend, gurgelnd und grölend seltsame Botschaften auszutauschen.
Gregor stand auf und reckte seinen Panzer. Der Rücken tat ihm weh. Nur langsam verschwanden die Traumreste. Intelligente nackte Zweibeiner – wie grässlich. Zum Glück hatte die Evolution das Richtige getan.
Er bereitete sich ein reichhaltiges Wurmfrühstück auf Dung zu, das ihn in die Wirklichkeit zurückholte, reinigte sorgfältig Fühler und Kauwerkzeuge. Dann holte er seine schönste Mistkugel aus dem Schrank, breitete die Flügel aus und schwirrte zur Uni, um seinen Vortrag zu halten.

Peter Schattschneider ist Physiker und Schriftsteller. Er arbeitet als Universitätsprofessor an der Technischen Universität Wien mit Forschungsschwerpunkt Elektronenmikroskopie. In seinen Erzählungen thematisiert er regelmäßig die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft. Er publizierte zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze und Monografien sowie vier Science-Fiction-Romane und -Erzählbände, unter anderem bei Suhrkamp.
Seine jüngste Publikation ist Hell Fever (Hinstorff Verlag 2019).

Der vorliegende Text wurde kurz vor COVID-19 als Zukunftspandämonium mit Motiven von Franz Kafka, Douglas Adams, Alan Turing und Kurt Gödel konzipiert und in der Quarantäne vollendet.

Die Text- und Bildrechte dieses Beitrags liegen bei Peter Schattschneider.

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