Balkan Blues

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Nachdem es wochenlang nur geregnet hatte, wollte ich weg, nur noch weg. Weg aus den Schluchten des Balkans, weg aus Bulgarien, weg aus diesem Land am Rand. Ich hatte den Blues.
Den Balkan Blues.

Ich schaffte es irgendwie in die nächste Stadt, jemand erbarmte sich und nahm mich mit. Aber was ich dort auf dem Bahnhof sah, auf jenem Bahnhof, auf dem ich mich früher wie zuhause gefühlt hatte, verblüffte mich. Ich war alleine.
Ein leerer Fahrplan, der Zugverkehr eingestellt, und das schon seit geraumer Zeit. Nicht des schlechten Wetters wegen, nein, es fehlte schlicht an Fahrgästen. Wer es irgend konnte, hatte sich ins Ausland evakuiert, war geflohen aus diesem Land ohne Zukunft. Am besten nach Deutschland.

Wer noch hier ist, hat es nicht geschafft. Hat verloren. So auch die Stimmung im Land, von der ich lange, viel zu lange, geglaubt hatte, es handle sich um schlechte Laune. Als Berliner ist man schlechte Laune gewöhnt, der Berliner ist permanent schlecht gelaunt, das ist sein Markenzeichen. Hier aber, habe ich erkannt, haben sie keine schlechte Laune, hier sind sie ohne Hoffnung. Das ist ihr Markenzeichen. Ohne Hoffnung auf irgendeine Änderung, schon gar nicht zum Besseren, erst recht nicht durch Wahlen. Hier, wo sie dreimal gewählt haben im letzten Jahr.
Dreimal.

Das Leben, so sagt man in Bulgarien, ist keine fünf Stotinki wert. Keine zweieinhalb Cent. Doch wenn das stimmt, denke ich mir, dann ist es praktisch wertlos. Dann hat man aufgegeben. Nicht nur sämtliche Züge, sondern auch jede Hoffnung fahren lassen.

Rumen Milkow. Trockener Berliner Taxifahrer vom Rande unseres Kontinents und am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Die Text- und Bildrechte dieses Beitrags liegen bei Rumen Milkow.

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