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Aus dem Alltag

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‚Erzähl mir eine Geschichte‘, sagte das Mädchen mit den rotbraunen Haaren und zog sich die Bettdecke bis unters Kinn. Es sah ihren Vater erwartungsfroh an. ‚Also gut‘, gab er klein bei.
‚Aber nur eine. Dann wird geschlafen.‘

Schneeflocken tanzten unbeholfen in der frostkalten Nacht, in der der Bub beschlossen hatte, das Christkind zu überraschen. Letztes Jahr war es ihm entwischt, er war einfach zu müde gewesen und wieder eingeschlafen. Und am nächsten Morgen war es natürlich zu spät. Aber dieses Jahr, da war er schon fünf. Er konnte wach bleiben, wenn es nötig war. Heute, das wusste er mit erwachsener Entschiedenheit, würde er es sehen. Und das Christkind, das würde ihn nicht kommen hören, er hatte schließlich einen Plan.
Er würde ganz leise sein.

Der Wind heulte wie ein wütender Wolf und schleuderte zornig Eiskristalle und bösartige Kälte gegen die Fensterscheibe. Es war dunkel im Zimmer. Der Bub überlegte, ob er sein Vorhaben auf nächstes Jahr verschieben sollte, entschied sich aber schnell dagegen. Er war schon fast ein Großer, er musste mutig sein. Eine Böe drückte mit aller Kraft gegen die Scheibe und einen Moment lang glaubte der Bub, dass sie zu Bruch gehen würde. Dann, als der Sturm kurz innehielt, gab er sich einen Ruck und stieg aus dem Bett.

Der Boden unter seinen Füßen war unangenehm kalt. Doch der Knabe wagte es nicht, in seine Schuhe zu schlüpfen, er wollte auf keinen Fall, dass das Christkind ihn hören konnte. Es hatte sicher gute Ohren. Es war ja noch so jung. Der Wind schien seine Kraft wiedergefunden zu haben und tobte erneut wie ein wild gewordener Riese gegen das Haus an. Wie konnte etwas, das man nicht einmal sehen konnte, so kraftvoll sein? Der Bub zitterte ein wenig. Er fror. Stumm, duldend, doch unbeugsam. Dann öffnete er die Tür einen Spalt weit, steckte seinen Kopf hindurch und horchte ins Erdgeschoß hinab. Das Tosen des Sturms legte sich wie ein grellbuntes Tuch über die Welt und machte es schwer, andere Geräusche zu erkennen. Da schoss dem Knaben ein verstörender Gedanke durch den Kopf.
War es möglich, dass das Christkind bei so einem Wetter gar nicht nach draußen ging?

Weihnachten ohne Christkind? Nein, das war kaum vorstellbar. Er schob seine Bedenken entschieden beiseite und lauschte in die Dunkelheit hinein. War das die Stimme seiner Mutter, die er eben gehört hatte? Konnte das sein? Sollte dort unten nicht gerade das Christkind zugange sein?
Es war Zeit, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Vorsichtig stieg der Bub die Treppe hinab, sorgsam darauf bedacht, die beiden Stufen zu meiden, die so verräterisch knarzten. Je näher er dem Wohnzimmer kam, desto aufgeregter wurde er. Die Kälte spürte er nicht mehr. Sein Herz schien in seiner Brust zu hüpfen, er konnte das Blut in seinen Ohren rauschen hören, als er die Hand auf die Türschnalle legte.
Dann drückte er sie ganz langsam nach unten.

Sein Vater sah ihn zuerst und versteckte geistesgegenwärtig die kleine Krippe, die er gerade unter den Baum stellen wollte, hinter dem Rücken. Opa nippte an einem Gläschen Nussschnaps und verschluckte sich geräuschvoll. Oma eilte aus der Küche, wedelte aufgeregt mit dem Geschirrtuch, das sie ständig zur Hand hatte, um sich damit den Schweiß von der Stirn zu wischen, und schien abwechselnd mit dem Buben und der Mutter Gottes zu sprechen. Dann war auch schon seine Mama bei ihm, schloss ihn zärtlich in ihre Arme und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

‚Was hat sie ihm denn gesagt?‘, wollte das Mädchen mit den rotbraunen Haaren wissen und schaute ihren Vater aus großen, aber schlafensmüden Augen an. ‚Das erzähl‘ ich dir morgen‘, sagte er und küsste sie sanft auf die Stirn.

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