Der Tod des weißen Polos

Aus dem Alltag

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Nein, eine Autofahrt in strömendem Regen ist kein Vergnügen, so schön kann die Landschaft gar nicht sein. Und schön ist sie ja tatsächlich, die Landschaft, die sich da beidseits der B11 ausbreitet, nur kennen sie die meisten nicht. Geheimtipp quasi. Aber nicht für sie, schließlich ist sie in dieser Gegend aufgewachsen, das Triestingtal ist ja ganz nah, die Straßen sind vertraut. Nur dass heute nicht viel zu sehen ist, ein echtes Sauwetter ist das.

Der Regen trommelt wie wild an die Scheiben, während der weiße Polo über die Bundesstraße rollt. Wenigstens ist kaum Verkehr, ist ja auch schon was. Jetzt ein Stück durch den Wald, idyllisch eigentlich, aber so ein Wald gewinnt halt auch nicht an Charme durch so ein Wetter und als Regenwald geht er nicht durch. Der Scheibenwischer läuft auf Hochtouren, immer mehr Wasser sammelt sich auf der Fahrbahn. Da vorne kommt ein Lastwagen entgegen, na schau, einer von dieser großen Lebensmittelhandelskette. Kaum zu glauben, wie laut Regen sein kann, wie viele Dezibel sind das eigentlich? Aber irgendetwas stimmt nicht. Der Anhänger.
Der Anhänger schlingert.

Etwas stimmt ganz und gar nicht.

Und siehst du, da hat sie richtig großes Glück gehabt, meine Nichte. Weil wenn dir ein außer Kontrolle geratener Lkw-Anhänger die Fahrertür von deinem Polo aufreißt wie ein Dosenöffner eine Sardinenbüchse, da kann es ganz leicht passieren, dass du dieselbe Adresse bekommst wie wir am Wolfersberg: Gruppe 11, Parzelle 34. Nur bist du dann garantiert nicht in einem Kleingarten.

Da ist so ein offener Unterarmbruch eigentlich eine Okkasion, also nicht, dass du jetzt sagst: jö, genau das hab ich mir letzte Weihnachten gewünscht, ich freu mich wie ein Nackerter übers G’wand. Aber, ganz ehrlich: wenn du mit dem Sensenmann grad Strippoker gespielt hast, bist du jetzt echt nicht schlecht ausgestiegen, also da kannst nachher aber ganz anders ausschauen, da könnt dann nicht mal mehr der Rico aus ‚Six Feet Under‘ für einen offenen Sarg garantieren.
Aber so ist das halt im Leben: manche verlieren das ihre auf der Straße und manche finden dort ein zweites. Second life quasi, nur total analog halt.

Die Julia aber eh cool und ein bisserl genießen muss man das schon auch, wenn man ganz legal Drogen konsumieren darf und noch nicht einmal dafür zahlen muss. Und als ich dann ein paar Tag‘ drauf frag, ob sie schlecht geschlafen hat im Krankenhaus, weil ein paar Alpträume kann man nach so einem Unfall schon haben, da hat sie nur gesagt: na ja, hätt in der Tat besser sein können. Die Zimmernachbarin hat halt doch ganz ordentlich geschnarcht.
Ja, resilient ist sie, die kannst du ruhig nach Afghanistan schicken oder von mir aus auch in den Südsudan, da musst du dir keine Sorgen machen über posttraumatische Störungen. Die steht dir schon wieder auf, wenn ihr ein paar Granatsplitter durch die Hüfte gefahren sind und so ein Schultersteckschuss tut auch nur mäßig weh, wenn du die richtige Medikation hast. Sind ja soviele Memmen unterwegs da draußen.

Und froh bin ich natürlich auch, dass ihr nicht mehr passiert ist, der Julia. Außerdem kann ich’s mir in diesem frühen Stadium von meinem Blog gar nicht erlauben, einen meiner Leser zu verlieren. Ein bisserl müsst’s schon auch an mich denken.

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