Die Masken vergessen

Aus dem Alltag

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Den Wolfersberg hinuntergehen. Zum Bus, der uns zur U-Bahn bringt. Zur U-Bahn, die uns am Karlsplatz entlädt, wo der Resselpark vom Regen frisch gewaschen ist und der Musikverein sich in seinem eigenen Glanz sonnt. Wo das Künstlerhaus steht, frisch renoviert, alte Pracht in neuem Gewand. Wo die Albertina Modern wartet.
Auf uns wartet mit ihren sechzigtausend Schätzen.

Hast du deine Maske? Ich habe sie vergessen. Sage es auf halber Höhe vom Berg, der kein richtiger Berg ist, eher ein Hügel. Ein Hügel, der sich Berg nennt. Umdrehen also, wieder hinauf. Vierzig Höhenmeter wieder hinauf.
Einer Maske wegen.

Maskentragende Gesichter im Bus, in der U-Bahn. Gesichter, die keine Münder haben und keine Nasen. Die ungewöhnlich stumm sind. Leblos. Stationen ziehen an uns vorüber wie abgegriffene Perlen an einem alten Rosenkranz. Ober St. Veit, Unter St. Veit, Braunschweiggasse. Stille liegt über dem Waggon wie Modergeruch in einem winterfeuchten Stall. Hietzing, Schönbrunn. Ein Mädchen, sechs? sieben?, himmelblaue Schuhe an den kleinen Füßen, zieht den Mundschutz ans Kinn. Lächelt uns an, strahlt übers ganze Gesicht.
Leben, endlich.

Abstand halten in der Warteschlange. Bezahlt wird kontaktlos. Die Karten bitte, danke schön. Ein Desinfektionsmittelspender an der Wand, eifrig benutzt. Dann endlich: staunen, schauen, staunend hinschauen. Eduard Angeli, Gottfried Helnwein, Valie Export. Sich wundern, was sich alles nicht verändert hat in der Gesellschaft. Auch nach Jahrzehnten nicht. Franz West, der ‚Rüdigerhof‘ von Franz Zadrazil. Der ‚Odysseus‘ von Rudolf Hausner.
Hinschauen. Sich einlassen. Leben.
Die Masken vergessen.

Ins ‚Huth‘ gehen und ein Kalbsbutterschnitzel essen oder einen Zwiebelrostbraten. Dazu ein Rotes Zwickl. Den Freunden in London eine Mail schicken und ein Bild: schaut her, wir sind hier. Ihr fehlt! Den Magen füllen und die Seele. Den Koch loben und mit dem Kellner scherzen. Über sein Gesichtsvisier hinwegsehen.
Die Masken vergessen.

Am Abend in den Garten gehen und griechisches Basilikum pflücken. Das Baguette schneiden, die Paprika aus dem Seewinkel. Die Oliven vom Peloponnes öffnen, die Bio-Gurken mit Olivenöl übergießen und mit dem Basilikum garnieren. Die Radieschen schneiden, die fast so scharf sind, wie sie früher einmal waren. Den Schafkäse auspacken und den Parmesan. Den Zweigelt Blaubart vom Moritz öffnen.
Der Katze zuschauen, wie sie vor der Terrassentür vorbeischlendert. Den Tag mit Freude füllen und Genuss. Sich nicht reinreden lassen von Corona.
Die Masken vergessen.

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