Es gibt so ein Volk

Gastbeiträge

Written by:

Views: 164

„Alles Gute und viel Erfolg“ wünschte mir das Jobcenter in Berlin für meine Arbeitssuche auf dem Balkan, nachdem mir nun schon seit über einem Jahr Uber-Corona-bedingt die Fahrgäste in meinem Taxi in der deutschen Hauptstadt abhandengekommen waren. Warum es ausgerechnet in dem kleinen Land am Rande unseres schönen Kontinents Arbeit für mich geben soll, nachdem Millionen vorzugsweise junge Menschen Bulgarien verlassen haben, um im Ausland ihr Glück zu suchen, das habe ich die nette Dame vom Berliner Arbeitsamt besser nicht gefragt. Meine Arbeitssuche gestaltet sich bisher jedenfalls überschaubar, so dass genug Zeit zur Wahlbeobachtung bleibt:

In Bulgarien wurde im April das letzte Mal gewählt, Neuwahlen sind für den 11. Juli geplant. Das liegt vor allem an der Partei „Es gibt so ein Volk“, die es aus dem Stand auf Platz zwei und knapp 20 Prozent geschafft hat, und die eigentlich „So ein Land gibt es nicht“ heißen sollte, was aber von der bulgarischen Wahlkommission nicht genehmigt wurde. Im „Land Of The Freaks“, wie Bulgarien unter Insidern genannt wird, ist eben auch nicht alles erlaubt. Phantasie haben sie jedenfalls, die Bulgaren. Keine Arbeit, aber Phantasie. Phantasie ist überhaupt das Wichtigste. Selbst als halber Bulgare kann ich mir vorstellen, die Partei „Es gibt so ein Volk“ zu wählen.

Gegründet wurde die Partei „Es gibt so ein Volk“ von Slavi Trifonow. Slavi Trifonow ist eine Art bulgarischer Goran Bregovic, mit eigener Show wie Stefan Raab und politischen Ambitionen wie Wladimir Klitschko. Bekannt geworden ist Slavi Trifonow Anfang der Neunziger durch eine Radiosendung, in der er einen Störfall im einzigen Kernkraftwerk Bulgariens in Kozloduy an der Donau simulierte. Slavi hat sich da von einem amerikanischen Film inspirieren lassen, und wie in dem amerikanischen Film haben das damals viele Menschen in Bulgarien geglaubt und sich auf den Weg gemacht. Ende der Neunziger hatte Slavi, der Frontmann von „Es gibt so ein Volk“, einen großen Erfolg mit seinem Song „Roter Ferrari“. Er singt dort: „Alles, was der Mensch zu seinem Glück braucht, ist ein roter Ferrari – einen für dich und einen für mich.“ Slavi hat mir damals aus der Seele gesungen, denn ich fuhr nur einen Opel. Auch wenn das mit dem roten Ferrari nicht geklappt hat, kann ich mir wie gesagt vorstellen, am 11. Juli Slavis Partei zu wählen, weil „Es gibt so ein Volk“ vor allem eine Anti-Korruptions-Partei ist, und natürlich auch ich gegen Korruption bin, die es bekanntlich nur auf dem Balkan gibt.

Slavi und seine neue Partei stören meinen bulgarischen Bürgermeister hier, der sich nicht nur um die Leute in seinem Dorf kümmert, wie es sich für einen guten Bürgermeister gehört – so etwas gibt es, selbst in Bulgarien -, sondern der auch ein Freund von „Bruder Boiko“ ist. So wird Boiko Borissow, der (noch) amtierende Ministerpräsident Bulgariens, von seinen Fans liebevoll genannt, und vermutlich auch von Angela Merkel, denn Boiko Borissows Pro-Europa-Partei ist eine Schwester-Partei von Angela Merkels CDU. Mein Bürgermeister will jedenfalls, dass ich am 11. Juli seinen „Bruder Boiko“ wähle, von dem allerdings nicht wenige Bulgaren behaupten, dass er ein korrupter Mafiot sei oder zumindest ein Freund von ihnen. Für mich wäre das Wählengehen ein Job, wenn es sonst schon keine Arbeit gibt. Leider kann mein Bürgermeister nichts zahlen, weil Slavis „Es gibt so ein Volk“ seinen „Bruder Boiko“ nicht nur regierungs- sondern auch zahlungsunfähig gemacht hat, somit von „Oben“ kein Geld mehr kommt, und er auch im Dorf nichts machen kann – das sagt er zumindest.

Und selbst wenn, ich müsste dem Jobcenter in Berlin ja nichts davon erzählen, denn auch für Arbeitslose gibt es für Nebeneinkünfte Freibeträge. Aber wäre ich dann nicht auch korrupt, wenn ich meine Stimme kaufen lassen würde? Oder trifft das bulgarische Sprichwort, dass es immer nur für denjenigen Korruption ist, der nicht von ihr profitiert, möglicherweise doch zu? Und überhaupt, vielleicht fehlt „Bruder Boiko“ auch nur das Geld, weil große Konzerne keine Steuern zahlen, und die gibt es, wie jeder weiß, überall. Im Osten gehören sie bösen Oligarchen, im Westen smarten Narzissten. Der Unterschied ist lediglich, dass letztere legal sind, die anderen aber nicht, wobei die nicht legalen abgeben, wie mir mein Bürgermeister immer wieder aufs Neue bestätigt. Vermutlich müssen sie auch abgeben, einfach weil sie nicht legal sind. Warum sollte derjenige, der ganz legal keine Steuern zahlt, abgeben? Aber geht es am Ende nicht darum, was mit den nicht gezahlten Geldern angestellt wird? Und da ist sich manch Bulgare nicht sicher, wer jetzt der größere Menschenfreund ist: der Mafiot oder der Philanthrop?

Doch zurück zu mir: Es gibt hier sonst keinen Job und somit auch keine Kohle. Also warum sollte ich mir meinen Urnengang nicht bezahlen lassen? Wahlen sind auch irgendwie überbewertet. In Bulgarien beispielsweise wird die Wende bis heute „Demokratisierung“ genannt – ganz bewusst mit Anführungszeichen. Eigentlich wollte ich ja auch Slavi wählen. Sein „Roter Ferrari“ ist immer noch ein toller Song. Und natürlich auch der Name „Es gibt so ein Volk“ von seiner Partei, die eigentlich „So ein Land gibt es nicht“ heißen sollte. Alleine der Name und seine Geschichte sind es wert, gewählt zu werden. Wenn es schon keine Arbeit gibt, warum soll ich nicht wenigstens meinen Spaß haben? Ich sag auch nichts dem Arbeitsamt in Berlin. Ich glaube, die verstehen da keinen Spaß. Aber wer weiß. Jedenfalls habe ich mir den 11. Juli in meinem Kalender angestrichen, denn da wird nicht nur gewählt in Bulgarien, sondern da hat mein Bürgermeister auch Geburtstag.
Und ich hab’ noch kein Geschenk für ihn.

Verwandter Artikel:
Auf Berlin habe ich verzichten müssen

Rumen Milkow: Da mir mein Berliner Taxischein, also meine lokalen Ortskenntnisse, bei meiner Arbeitssuche in den Schluchten des Balkans nicht weiter hilft, bleibt mir nur meine Melkberechtigung. Einst berechtigte sie mich, Kühe in der sozialistischen Landwirtschaft zu melken, später amüsierwütige Fahrgäste in meinem Taxi. Dass sie mir auch mal beim Melken des Berliner Arbeitsamtes während meiner Arbeitssuche auf dem Balkan helfen würde, wer hätte das gedacht? Oder werde ich vielleicht selbst schon von bösen bulgarischen Mafioten gemolken, die am Ende die größten Menschenfreunde sind?

Die Text- und Bildrechte dieses Beitrags liegen bei Rumen Milkow.

Comments are closed.