Herbst

Aus dem Alltag

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Ein feiner Riss klafft in der Nebelwand. Hie und da zwängt sich bereits ein Sonnenstrahl durch das feuchte Grau, fällt unbeholfen zu Boden, kullert die Terrasse entlang und streift die Biene, die verloren auf den Natursteinplatten kriecht.
Zu wärmen vermag er freilich nicht.

Es ist Herbst und die Luft riecht nach feuchter Erde und Vergänglichkeit. Wespen schwirren träge um den Efeu und auf der Bank neben der Haustür liegt eine tote Heuschrecke. Im Garten ist es still geworden, seit das Laub beschlossen hat, die Welt mit seinen bunten Farben zuzudecken. Nur die nachtaktiven Tiere scheinen wieder munterer zu werden, es wird fleißig gebuddelt und an prominenter Stelle defäkiert. Der wilde Wein im Vorgarten entfaltet seine volle Pracht, schleudert zuerst sein Rot in den Tag, dann seine Blätter. Ein Marienkäfer flaniert gelassen auf einem Trittstein, bevor er Zuflucht in einem nahen Laubhaufen sucht.
Und von einem Moment auf den nächsten, als hätte jemand einen verborgenen Hebel umgelegt, bricht die Sonne durch den Nebel, löst ihn auf, flutet den Tag pompös mit Licht. Prompt surrt eine Honigbiene heran, setzt sich auf die violette Aster und beginnt ihr Tagewerk. Es gibt noch viel zu tun.

Der Weg, der sich um die Kuppe des Wolfersbergs windet wie ein loser Kragen um einen breiten Hals ist gesäumt von Silberweiden und wilden Rosen. Hagebutten hängen stolz von den dornigen Gewächsen und funkeln feurig im nunmehr hellen Sonnenlicht. Ein Hund hechtet an uns vorüber, schnappt flink nach einem Tennisball, macht kehrt und gibt rasch Fersengeld. In der Phalanx der Kleingartenhäuser klafft ein schauerliches Loch, schon wieder musste ein Haus weichen. Die Zeit, sie tilgt erbarmungslos was müde und verbraucht erscheint.

Am höchsten Punkt des Hügels steht ein kleiner Buchenwald. Morsche Zweige knacken spröde unter unseren Schritten, als ein plötzlicher Windstoß Laub auf uns regnen lässt wie in einem wunderlichen Wolkenbruch. Vier, fünf Krähen keifen erbost in unsere Richtung, bevor sie unwillig ein paar Meter weiter hüpfen. Dann ist es totenstill.
Ich lege meinen Kopf in den Nacken, schaue in den mittlerweile strahlend blauen Himmel. Sehe ein Blatt sich lösen, das schlingernd, trudelnd, wild sich drehend zu Boden fällt, bevor es sanft in meiner ausgestreckten Rechten landet. Sehe hoch über unseren Köpfen eine Eule, ihr finsterer Blick kommt einem stummen Vorwurf gleich. Wir können ihr nicht helfen, sie wird dort oben wohl noch eine Weile bleiben müssen. Denn der Drachen ist nun herrenlos, frei ist er nicht.

Es war ein schöner Herbst. Ein Herbst voll bunter Farben, warmer Tage, sonnenheller Stunden.

Und doch war es der Herbst in dem ich plötzlich mein Gehör verlor.

Fortsetzung folgt.

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