Männer beim Einkauf

Aus dem Alltag

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Am Vortag sind wir noch im herrlich unprätentiösen Gastgarten vom Musil gesessen, bei Schweinsbraten und Eierschwammerlgulasch und frisch gezapftem Hirter-Bier. Und Sandalen und Shorts hätt‘ ich tragen können, wenn ich sie nicht schon weggeräumt hätt‘ in meinem vorauseilenden Gehorsam dem heranstürmenden Herbst gegenüber. Weil fünfundzwanzig Grad hat’s noch gehabt, knapp vor Sonnenuntergang. Da hab ich gleich noch ein kleines Dunkles hint’nach trinken müssen, der Sommer gehört schließlich anständig verabschiedet.

Ja, und heute Morgen schaut’s schon ganz anders aus an der Wetterfront. Da rauschen die tiefgelegten Wolken über einem drüber wie weiland die Frecce Tricolori über Ramstein, nur dass sie nicht so bunte Farben hinter sich herziehen und runterfallen tun sie auch nicht.
Und von fünfundzwanzig Grad kann überhaupt keine Rede mehr sein. Also ziehe ich den Reißverschluss von meinem Anorak zu – den hab ich gefühlte zwei Jahre nicht mehr angehabt – und stapfe los, weil so ein Samstags-Kurier und was zum Beißen für den Abend besorgen sich ja nicht von alleine.

‚Morgen!‘, sag ich artig, als ich die Bäckerstube betrete, das Adjektiv lass ich in guter Wiener Tradition weg, es wird ja ohnehin viel zu viel geredet. Diesseits des Verkaufspults, also dort, wo die p. t. Kunden Aufstellung nehmen, stehen schon vier Leut‘: drei links, einer rechts. Wer jetzt ein bisserl den Hausbrauch kennt, weiß: die links stehen fürs Futter an und der rechts will einen Kaffee trinken. Rechts sind sie natürlich permanent in der Minderzahl, weil so gemütlich ist das jetzt auch wieder nicht, an einem Katzentisch sitzen, nicht wissen, wohin mit den Beinen und bei der Tür zieht’s auch dauernd rein, weil die halt pausenlos auf und zu geht. Aber bitt’schön, Kaffee ist ja eine Droge und manch einer braucht sie eben gleich.
Bin ich also Kunde Nummer fünf und da ich Weckerl kaufen will und keinen Kaffee, schließ ich die Lücke zwischen den zwei Fraktionen, die da grad noch war. Weil bis fünf werden die meisten schon zählen können, denk ich mir, und die Aussicht ist ganz vorn ja auch schöner. Aber da war sie dann dahin, die mühsam errungene Ordnung.

Fällt mir jetzt erst auf: die Kunden lauter Männer und die haben vor nichts so sehr Angst, als in der Warteschlange übergangen zu werden, da sind spontane Messerstechereien dann schon im Bereich des Möglichen. Der Wochenendeinkauf ist ja die moderne Form der Jagd, aber jetzt ist es natürlich lange nicht so prestigeträchtig, wenn du mit einem Grahamweckerl heimkommst und nicht mit einem Mastodon. Da braucht’s ein wenig Fingerspitzengefühl in solchen Situationen, aber – man muss es so sagen – das hab ich grad nicht gehabt.
Blöd.

Während ich noch total unschuldig überleg‘, nehm ich heut‘ als Nachmittagsjause eine Zimtschnecke oder doch eine Topfengolatsche, merk ich schon aus dem Augenwinkel, wie mein rechter Nachbar ganz fahrig wird. Der hat natürlich geglaubt, ich will mich jetzt vordrängen und in seiner Panik hat er gleich ganz laut ‚Ich!‘ gerufen, als es geheißen hat: Wer ist der Nächste?
Und siehst du: da hat er sich jetzt vorgedrängt gehabt.

Na, mehr hat er nicht gebraucht. Mein linker Nachbar gleich auf hundertachtzig, dass ich mich gefragt hab, ist das jetzt Speichel, Schweiß oder gar das Testosteron, was da so rumspritzt. ‚Tschuldigung‘, der andere ganz kleinlaut drauf, weil damit hat er natürlich nicht gerechnet, dass er gleich so überfahren wird. ‚Hab Sie nicht g’sehen.‘
‚Des siacht ma doch‘, grollt’s links von mir, und momentan spielt’s auch gar keine Rolle, dass die andere Verkäuferin schon zum zweiten Mal fragt, was es denn sein darf.
Die Hackordnung wiederherzustellen ist eben allemal wichtiger als die profanen Dinge des Lebens.

Der ideale Moment eigentlich, um sich listig vorzudrängen.
Ich hab’s dann aber doch sein lassen.

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