Othello fährt U-Bahn

Aus dem Alltag

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‚Der Othello ist aber schon auch süß‘, hat sie gesagt. Und dabei natürlich nicht den vor Eifersucht rasend gewordenen Feldherrn mit dem dunklen Teint gemeint, sondern ein ‚piccolo Viech mit quatro Haxen‘, wie es Nestroy dereinst so schön umschrieben hat. (Das ‚quatro‘ steht übrigens wirklich so im originalen Text, ich kann da nix dafür.) Und dann hat sie ihren Freund mit so großen Kulleraugen angeschaut, dass ich mir gedacht hab, jetzt will sie ihn gleich hypnotisieren oder so.
Wie hätt‘ er da nicht zustimmen können?

Ich liebe solche Sätze, die über einen kommen wie ein warmer Regen an einem lauen Sommerabend. Man hört ja sonst nicht viel Originelles in den öffentlichen Verkehrsmitteln, die sind ja quasi der Ground Zero der sprachlichen Trivialität. Da ist man dann für ein Kleinod wie ‚Ich werd‘ morgen gefüllte Paprika kochen, Mausbär‘ richtig dankbar.
Selbst dann, wenn man den Mausbären gesehen hat.

‚Darf ich Sie auf ein Bier einladen?‘, fragt der Mann neben mir die etwas ältere Frau, die gleich bei der Tür steht. Das ist ja mittlerweile schon ein Satz mit Kultcharakter geworden, den hört man in der U4 gar nicht so selten. Die Einladung aber gilt freilich nicht jedem, da ist der Mann recht streng. Eine Frau musst du schon sein, Mindestanforderung quasi. Damit ist der Anforderungskatalog aber auch schon erschöpft, mehr braucht’s nicht für ein Bier. Theoretisch zumindest.

Optisch ein Durchschnittstyp, aber in seinem Sozialverhalten wohl eher ein bisschen außerhalb der mitteleuropäischen Norm, stellt er jeder Frau die ewig gleiche Frage. Mag sie fünfzehn sein oder auch fünfundneunzig. Mag sie alleine unterwegs sein oder in Begleitung. Unbeirrbar, unaufhaltsam, seit vielen Jahren schon. Also entweder ist er ziemlich anspruchslos bei seiner Partnerwahl oder er hat einen Mordstrumm Durst und trinkt einfach nicht gern allein.

Und zugegeben: ein wenig irritieren kann das schon, wenn du mit deiner Frau oder Freundin unterwegs bist und plötzlich kommt jemand daher, ignoriert dich völlig und fragt sie, ob sie mit ihm auf ein Bier gehen will. Das sieht nicht jeder locker. Da sind in manchen Gegenden aus nichtigeren Gründen jahrzehntelange Blutfehden entstanden. Einen Satz heißer Ohren kann’s da schon mal geben.

‚Nein, danke‘, hat die Frau bei der Eingangstür irritiert gesagt, was jetzt auch nicht wirklich überrascht hat. Und weil sie ihn noch nicht gekannt hat, ist sie dann ein wenig rot geworden. Da ist der Mann aber schon zwei Meter weiter gestanden, um sich die nächste Abfuhr zu holen. Ganz verlegen hat sie uns Umstehenden dann angeschaut, bevor sie zu lächeln begonnen hat. ‚Wenn ich ehrlich sein darf: jetzt hat mich sicher schon vierzig Jahre keiner mehr g’fragt, ob ich mit ihm was trinken gehen will. Viel g’fehlt hat nicht und ich hätt‘ ‚ja‘ g’sagt.‘

Die beiden jungen Leute haben dann noch sieben oder acht Stationen lang Hundefotos angesehen, bevor sie ausgestiegen sind. In Hietzing natürlich. Wer seinen Hund ‚Othello‘ nennt, klettert nicht in der Meidlinger Hauptstraße aus der U4.
Ich hab‘ ihnen dann noch nachgeschaut und mir gedacht: Othello, na ja. Hoffentlich kriegt sie noch genug Luft, die Desdemona.

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