Retter in der Not

Aus dem Alltag

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‚Hallo?‘, raune ich neugierig in mein Handy, als ich die norwegische Nummer auf dem Display sehe. Meine Kontakte in den skandinavischen Raum sind seit den Tagen von Wickie und den starken Männern überschaubar geworden. ‚Hello, do I speak with Manfred Lipp?‘, will die freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung wissen. Nun gut, die Chancen dafür stehen gar nicht schlecht, wenn man meine Nummer wählt. Aber wer will sich beklagen, wenn er mit einem gewissenhaften Mann spricht? ‚Ja, durchaus‘, sage ich. Auf Englisch halt. Und bin gespannt.
Und siehe da, ich plaudere mit Microsoft. Wer hätte das gedacht?

Gut, dass er mich spreche, meint er. Es gebe Probleme mit meinem Computer. Microsoft könne ihn seit einigen Tagen nicht mehr erreichen und das wäre gar nicht optimal. Es stünden wichtige Updates an. Der freundliche Mann macht eine kurze Pause. Er könne helfen, meint er dann.
Ich wittere Unrecht.

‚Ich will ja nicht unhöflich sein. Aber ist es nicht höchst ungewöhnlich, dass mich Microsoft von einer norwegischen Mobilnummer anruft?‘ Es mag gut sein, dass ich ein wenig schroff klinge. Der gute Mann seufzt leise und vorwurfsvoll. Ich werde ihn doch nicht gekränkt haben? Da lästert man immer über diese multinationalen Konzerne und dann reagiert man misstrauisch und abweisend, wenn man einen von denen in der Leitung hat. Ist ja jetzt rein menschlich betrachtet auch ein bisschen verwerflich.
‚Niemand versteht Ihre Bedenken besser als wir‘, sagt der hilfsbereite Mann. Einen Hauch weniger freundlich als zuvor, bilde ich mir ein. Er gebe mir jetzt meinen Registrierungscode, den könne nur Microsoft kennen, sagt er. Und diktiert mir anschließend eine nicht enden wollende Folge von Ziffern und Buchstaben, die ich sorgsam notiere und achtlos entsorge. Ob ich ihm nun Zugriff auf meinen Computer gewährte, damit er die notwendigen Updates installieren könne? Ich wende ein, dass ich im Augenblick im Büro und mein Laptop gerade nicht zur Hand sei. Ich bedaure das sehr.
Ein wenig enttäuscht hat er dann geklungen, als er gesagt hat: ‚Ja, den PC brauchen wir leider schon.‘

Wann ich denn wieder erreichbar wäre, will er wissen. Er wolle schließlich helfen. Kann es sein, dass ich eine Spur Missmut in seiner Stimme orte? ‚So gegen einundzwanzig Uhr würde es gehen‘, meine ich arglos. Hilfsbereite Menschen sind mir immer willkommen. Der gute Mann seufzt leidvoll auf. Dann stimmt er zu.

Ich rufe meinen Bruder an. Der ist Softwareentwickler und ein kluger Kopf, in Sachen Technik kann man seinem Urteil trauen. ‚Du, mich hat grad ein total hilfsbereiter Mann von Microsoft angerufen. Aus Norwegen.‘ Wir lachen beide herzlich. Ob ich ihm Zugang zu meinem PC gewährt habe, will mein Bruder wissen. Und lacht bereits eine Spur gedämpfter, er kennt ja meine zwanglose Art im Umgang mit moderner Technik. Alles jenseits der Benützung einer Filterkaffeemaschine wirft Probleme auf, die kein Hersteller je erwogen hätte. ‚Wo denkst du hin?‘, entgegne ich. Der PC habe sich schließlich in sicherer Entfernung befunden.

Die Nacht kommt über den Tag wie eine Raubkatze über ein panisches Zebra. Doris, seit Stunden darauf bedacht, mich sorgsam von meinem Laptop fernzuhalten, sitzt neben mir und liest. Ich blicke unbekümmert auf die Uhr und rechne fest mit einem Anruf. Runde zwei mag Spaß bereiten.
Das Telefon jedoch bleibt stumm.

Auf nichts ist mehr Verlass.

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