Stille Tage

Peloponnes

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Am Himmel steht ein Schaukelpferd. Der Wind treibt es wütend vor sich her, zerrt unbarmherzig an seinen Konturen, verweht zuerst den Kopf, alsbald den ganzen Körper. Bis es sich über dem Wasser vollends auflöst, für immer ungeschaukelt bleibt.

Ich schließe meine Augen. Die nackten Füße im Meer, das allenthalben forsch nach meinen Zehen leckt, den Rest des trägen Körpers auf einer Liege, für die man keinen Cent in Rechnung stellt. Hinter mir singen tausend Zikaden ihr sommerpralles Lied und auf der Liege neben mir träumt Doris einen stummen Traum. Meine linke Hand gleitet zu Boden, wühlt sich in die Kiesel, die glattgeschliffen sind und bunt und sich anfühlen wie die Kindheit selbst, voller Farben, lebensfroh. Mit meiner Rechten greife ich nach dem Frappé, es schmeckt nach Sommer, Urlaub, Griechenland. Der Wind fällt sanft und warm den Berg herab, streicht über uns hinweg, treibt kleine Wellen vor sich her. Boote schaukeln sacht im monotonen Takt des Wassers, das feiste Licht der Mittagssonne, es macht schläfrig und träge. Die Bucht von Porto Kagio, sie ist ein Paradies, das schwierig zu erreichen, doch wert, nach ihm zu suchen ist.

Aus einem Haus mit himmelblauen Fensterläden tönt ein Lied von Mikis Theodorakis. Seltsam, wie eindringlich diese Musik wirkt, fremd und vertraut zugleich, als wäre sie ein Sinnbild unserer Seele. Ein winzig kleiner Fisch schnappt frech nach einer meiner Zehen, doch ich missgönne ihm das Mittagsmahl. Eine Möwe gleitet über die Bucht, lässt sich auf einem Pfeiler des nahen Steges nieder. Sieht stumm auf die kleinen Fische, nach denen ich mit meinen Zehen angle. Und fliegt erbost davon.

Doris ist wach geworden, streckt sich wie eine mittagsmüde Katze, ruft mir ein knappes Wort zu, das ich im aufkommenden Lärm des fahrenden Obsthändlers nicht verstehe, greift sich Schnorchel und Flossen und steigt beherzt ins Meer. Ich bleibe liegen. Sehe, wie ihre Flossen einen Moment lang wie der Rumpf eines sinkenden Schiffes aus dem Wasser ragen, wenn sie in die Tiefe taucht. Orte sie von Zeit zu Zeit an dem satten Blasstrahl, der aus ihrem Schnorchel spritzt, wenn sie wenig später wieder an die Oberfläche kommt. Andere tun es ihr gleich und die Bucht, sie bietet Platz für alle. Ich lehne mich zurück, schaue hinauf ins Blau des Himmels, auf dem die wenigen Wolken wie kunstvolle Kalligrafien wirken. Ein Schaukelpferd ist diesmal nicht zu sehen, doch zieht ein Schwan stolz seine Kreise, bevor auch er vom Wind bezwungen und erst zur Ente, dann schlicht zu einer Wolke wird.

Ich döse. Träume. Sehe ein Haus. Es ist geräumig, erfüllt von Heiterkeit und Stil. Bewohnt von Menschen, die großzügig sind und warmherzig zu gleichen Teilen. Es liegt inmitten eines grünen Sees, nein, eines ganzen Meeres von Olivenbäumen. Es wird flankiert von mächtigen Bergen und die abendlichen Lichter naher Dörfer funkeln zu ihm herüber wie Sterne, die einem Schiff des Nachts den rechten Weg zu weisen wissen. Einst floss der Fluss an jener Stelle, auf dem ein junger Mann aus Troja die Frau, die nicht die seine war, zuerst zum Meer und dann in seine Heimat brachte. Was letztlich zwar ein Fehler war, doch Aphrodite war auf seiner Seite, die Leidenschaft nicht zu bezwingen.
Am besten freilich wär’s gewesen, er hätte jenen Apfel damals selbst gegessen.

Eine Katze streicht am Liegestuhl vorbei, drückt ihren pelzigen Kopf in meine linke Hand, die kraftlos von der Liege baumelt. Mit dem Handrücken meiner Rechten streiche ich über mein Gesicht, reibe mir den Schlaf aus den Augen. Erinnere mich kurz des Traums, bevor er im nächsten Moment schon in den Ritzen des Unbewussten versickert und nicht mehr zu benennen ist. Das Haus, es existiert. Es ist das Haus von Freunden.
Und steht in Sparta.

Dann raffe ich mich auf, folge Doris ins Wasser, die träge auf den Wellen treibt. Gerate, noch keine vier Meter vom Ufer entfernt, in einen Schwarm von kleinen Fischen, die niedlich wirken und nett anzusehen sind. Und werde wüst gebissen, wohl ein halbes Dutzend Mal.

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