Zeitenwende

Aus dem Alltag

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Dieses Mal musste es einfach klappen, sagte sie sich und sah auf die Uhr. Sie seufzte leise. Langsam hatte sie es satt, ständig vertröstet, von einem Praktikum zum nächsten weitergereicht zu werden. Zweieinhalb Jahre waren eine lange Zeit.
Geduld war eine Frage des Geldes geworden.

Sie war geduldig, bei Gott, das war sie. Zu geduldig mitunter, dachte sie. Zu leise. Vielleicht war das ihr Problem. Aber das allzu Forsche, das lag ihr nicht. Es würde nie ihre Stärke sein.

Heute würde sie Bescheid bekommen, hatte man ihr versichert. Sie hörte es nicht zum ersten Mal. Sie sah gerade auf den Bildschirm, als zwei Mails fast gleichzeitig in ihrem Posteingang aufschlugen, nun fett gedruckt über den anderen hingen und eilig nach ihrer Aufmerksamkeit verlangten. Gut so, dachte sie und griff nach der Maus. Arbeit war gut.

Wie mühsam der Bewerbungsprozess gewesen war. Wie undurchschaubar. Wie komplex der Online-Test, der einen in permanente Zeitnot stürzte. Es war aufregend, zu erkennen, wie notwendig es war, die Übersicht nicht zu verlieren und die Ruhe. Sich nicht an der Oberfläche treiben zu lassen oder in Kleinigkeiten zu verzetteln. Informationen rasch zu verarbeiten, abzuwägen, Schlüsse zu ziehen. Konzentriert zu bleiben. Unaufgeregt.
Sie konnte das. Es waren ihre Stärken.

Dann das persönliche Gespräch. Die Fragen der Personalisten, die harmlos schienen und doch voller Tücke steckten. Nie konnte man sicher sein, ob die Antwort richtig war. Ob es eine richtige Antwort gab.
Sie ahnte die Tiefe, die sich hinter der vermeintlich glatten Oberfläche verbarg. Sie entschied sich, den Abgrund nicht zu scheuen.

Hinter dem Abgrund begann das Warten.

Sie überlegte, ob sie die Formel korrekt gesetzt hatte, eine kleine Unachtsamkeit konnte tückisch sein. Lehnte sich ein Stück weit zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Das Ergebnis schien plausibel. Sie begann, die Antwort zu formulieren, es fiel ihr nicht schwer. Mitten im dritten Satz läutete das Telefon.
Dieses Mal musste es einfach klappen, sagte sie sich, atmete tief durch und griff zum Hörer.

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