Recht Schreiben
- Januar 20, 2026
- by
- Verena Dolovai
Erst als ich näherkam, hob sich der Kubus vom Nebelgrau ab. Grüne Flecken fraßen sich an der Betonmauer des Gebäudes entlang. Drinnen in der Aula vor den Schaufenstern drängte sich eine kleine Gruppe von Studierenden. Sie streckten ihre Köpfe nach den Prüfungsergebnissen.
An der juristischen Fakultät der Universität Wien, in deren Glasbau ich fünf Jahre lang zuvor studiert hatte, war es anders gewesen: überfüllte Hörsäle, die Studierenden in teuren Schuhen, Hemden oder Blusen mit gepflegtem Haar und perfekt geschnittener Frisur. Die meisten waren aus der Hauptstadt, aus ihren Mündern floss eine gehobene Sprache, sie waren meist aus gutbürgerlichem Hause. Als setzten sie eine lange Familientradition fort, die noch nie durchbrochen wurde. Ich selbst landete durch Zufall bei der Studienrichtung Recht. In meiner Familie gibt es keine Jurist:innen. Den Studiengangsführer, der mir die weite akademische Bildungswelt eröffnet hatte, kannte ich auswendig. Es fiel mir schwer, mich für einen Weg zu entscheiden. In der Schule mochte ich alles, was mit Sprache und Literatur zu tun hatte, liebte es, von Latein ins Deutsche zu übersetzen, interessierte mich für Psychologie und Philosophie. Ich mochte Kinder, mochte Tiere. Meine Schlussfolgerung: Vergleichende Literaturwissenschaften, Deutsche Philologie, Übersetzen, Psychologie, Humanbiologie, Medizin, Veterinärmedizin.
Kinderärztin, das wäre etwas für mich, meinte ich, als ich in einer ärztlichen Praxis saß, die freundliche und zierliche Frau Doktor in ihrem weißen Kittel hinter einem massiven Tisch aus dunklem Holz versteckt. Vor ihr ein Rezeptblock, auf den sie lateinische Abkürzungen für Medikamente kritzelte. Doch viele meiner Mitschüler:innen hatten sich bereits für Medizin entschieden, ebenso meine ältere Schwester. Humanmedizin kam daher nicht mehr in Frage. Ich wollte etwas Eigenes.
Tierärztin schloss ich nach einem Besuch auf der Veterinärmedizinischen Universität aus. Der Stallgeruch verursachte mir Brechreiz.
Schreiben und Übersetzen, brotlos hieß es. Meine Generation hatte alles vor sich: freien Bildungszugang und unerschöpfliche Möglichkeiten am Arbeitsmarkt – sofern man den Aufnahmestopp im öffentlichen Dienst außer Acht ließ und sich an folgende Wahl hielt: Medizin, Wirtschaft, Recht oder Technik. Fleiß und Einsatz würden belohnt, die erste berufliche Praxis müsse auch ohne Entgelt in Kauf genommen werden, dankbar für jede Arbeit müsse man sein.
Um mir Psychologie abspenstig zu machen, stapelte mein Vater Bücher über Statistik auf meinem Schreibtisch. Ich hasste sie wie alles, was mit Zahlen, Grafiken und Tabellen zu tun hatte. Ich müsse viel auswerten und etwas für Zahlen übrighaben, meinte er. Das hatte ich nicht. Rechtswissenschaften war somit ein solider Kompromiss. Danach würden mir viele Optionen offenstehen. Die Entscheidung, was aus mir werden sollte, war also aufgeschoben für ein paar weitere Jahre. Unschlüssig wie ich war, stellte es mich zunächst zufrieden.
Die ersten Prüfungen hatte ich mit Erfolg bestanden. Einführende Fächer wie Rechtsgeschichte, Rechtsphilosophie und römisches Recht gefielen mir. Es war etwas, über das ich nachdenken konnte. Bald tauchten wir in die Tiefe einzelner Materiengesetze ein, und ich musste mir eingestehen: Das Recht war vor allem eins: trocken. Die Vorstellung, mindestens acht Stunden täglich in einem Büro einer Versicherung, einer Bank, eines Unternehmens oder womöglich bis in die Nacht in einer Rechtsanwaltskanzlei zu sitzen und dort meine schlecht bezahlten Lehrjahre abzuleisten, verleidete mir jede Konzentration zum Lernen.
Ich begann, mein Taschengeld durch den Verkauf von Studienbüchern über bereits geleistete Prüfungen aufzubessern, da sagte mein Vater zu mir: Perlen vor die Säue. Ich nahm es ihm übel und war wochenlang beleidigt. Schließlich lag ein Brief meines Vaters im Postkasten: Ein Zettel für meine schönste Perle mit einer kleinen Perle darin. Ich war versöhnt, doch ein Riss in meiner Seele blieb.
Als wäre ich es meiner Familie schuldig, das Studium zu Ende zu bringen. Was ich mir selbst schuldig war, verdrängte ich.
Ich erinnerte mich an die Woche mit der Schulklasse in Südtirol, als ich am Balkon unseres Apartments gestanden war und mich einsam gefühlt hatte, obwohl meine Freundinnen um mich herumgealbert hatten. Zugleich öffnete sich die Tür zu einer anderen Welt. Von dieser Welt aus beobachtete ich die anderen wie durch ein Fenster. Meine Wahrnehmung kam mir unheimlich intensiv vor. Machte mich glücklich. Dieser Intensität würde ich Ausdruck verleihen. Irgendwann. In welcher Form wusste ich nicht.
Es war auch das erste Mal, dass ich dachte, ich würde das normale Leben nicht auf die Reihe kriegen: diesen vorgezeichneten Weg des kompetitiven Erwerbslebens, das Erwachsensein als Ganzes, die vielen Formulare und alles, was noch dazugehörte.
Ich wollte ja lernen, aber Recht schien nicht das Richtige zu sein. Dennoch absolvierte ich eine Prüfung nach der anderen. Ich schwor mir, aufzuhören, sobald ich einmal durchfallen würde. Bei der letzten Prüfung war es so weit. Ich fiel durch. Meine Haut begann zu reagieren. Atopische Dermatitis. Meine Lippen waren doppelt so dick, darum herum ein flammend roter Kranz. Die Arme, die Beine, alles wund. Ich ging kaum mehr aus der Wohnung. Meine Schwester kannte einen Hautarzt aus dem Medizinstudium, eine Koryphäe in seinem Fach. Nach einer Vorlesung nahm sie all ihren Mut zusammennahm und sprach ihn an. Sie schilderte meinen Fall. Er bot uns einen Termin in seiner privaten Praxis an. Betrachtete mich, meine offenen Stellen, meine Schwellungen. Ließ mich stationär aufnehmen, ließ mein ganzes Gesicht einbandagieren. Wie eine Mumie sah ich aus. Zwei Tage später bei der Visite meinte er, das Goscherl1Österreichisch für: Mund sieht schon besser aus.
Meine Eltern schlichen um mich herum wie um ein Museumsstück. Hatten Angst, ich könne vor der letzten Prüfung meine Drohung wahrmachen und das Jusstudium tatsächlich hinschmeißen. Sie fürchteten meine Launen, meine Unberechenbarkeit. Doch ich biss mich durch. Entgegen meiner theatralischen Ankündigung büffelte ich ein letztes Mal und schloss das Studium ab.
Nun war meine Zeit gekommen, dachte ich. Übersetzen und Dolmetschen sollte es sein. Der Wunsch, Schriftstellerin zu werden, war zu einem niedrig flackernden Flämmchen geworden. Brotlos! Bloß nicht. Das hatte ich doch bereits mit achtzehn Jahren durchgekaut und verworfen. Warum ließ es mich nicht ruhen?
Neben dem zweiten Studium konnte ich in einer Rechtsanwaltskanzlei arbeiten. Ein bisschen berufliche Praxis würde sich gut machen, im Curriculum Vitae. Ein Dokument, das mich ausmachte wie die Geburtsurkunde, der Staatsbürgerschaftsnachweis, der Reisepass. Von nun an galt es, den Curriculum Vitae zu bestücken, ihn lückenlos von einem Erfolgserlebnis zum nächsten zu führen, alles für den Arbeitgeber, für meine Karriere. Es gab nur einen Weg: jenen nach oben.
Ich stand also vor den Vitrinen, in denen die Prüfungsergebnisse der Diplomprüfung ausgehängt waren. Die Haare der Studierenden kitzelten mein Gesicht, ich stellte mich auf die Zehenspitzen und sah meine Matrikelnummer. Meine Augen wanderten nach rechts: Nicht Genügend. Die Buchstaben wurden unscharf. Schweiß drängte durch meine Poren. Mein Kopf fühlte sich heiß an. Ich kniff die Augen zusammen: kein Zweifel. Ich hatte nicht bestanden.
Ich buchte einen Flug nach Sardinien. O. ließ ich zurück. Ich fühlte mich fern von ihm, weil er mir zu nahekam. Eigentlich kam mir seine Familie zu nahe. Ich erinnerte mich an den Besuch bei seinen Eltern, dem Vater, der die Mutter unentwegt in die Küche geschickt hatte und sie nicht zu Wort kommen hatte lassen. Wer so etwas vorgelebt bekam, würde dieses Muster übernehmen, dachte ich. Vielleicht tat ich O. aber auch Unrecht. Vielleicht würde er ganz anders werden als sein Vater. So schön es mit O. manchmal war (oh, wie gut er küsste!), ständig atmete ich auf, wenn wir uns für eine längere Zeit verabschiedeten. Jedes Mal war es, als wäre ich wieder ich selbst geworden. Allein mit meinen Büchern und Filmen, meinen Tagträumen, denen ich nachhing.
Jemand vom Hotel holte mich am Flughafen ab. Im Zimmer gab es ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl, ein Bad.
Am nächsten Morgen blendete mich die Sonne im Frühstücksraum, alles war milchig-grau, als befände ich mich in einem Traum. Ich dachte daran, wie es wäre, hier zu bleiben. Als Schriftstellerin hier zu leben, zu schreiben, zu übersetzen.
Abends ging ich in eine Bar und bestellte einen Drink, suchte nach einem Grund, um O. zu verlassen und textete M.
Den Kontakt zu M. hatte ich seit einiger Zeit wieder aufgenommen. Seit dem Besuch bei O.s Eltern, um genau zu sein. Ich hatte M. in einer Bar kurz vor der Sperrstunde kennengelernt. Bevor die Lichter aufgedreht und die letzten Nachtschwärmer verscheucht wurden. Wie Insekten standen wir unter dem Schirm des Lichts und blinzelten uns an, M. und ich. Ich spürte M.s Blick schon bevor das Licht anging, diese dunklen Augen, aus denen kaum ein Weiß blitzte. Er war Filmemacher. Wir tauschten Nummern aus, ich traf mich mit ihm. Tagsüber sah er anders aus, älter. Verlebt trifft es am besten. Ich war erstaunt, als er mir sein Alter mitteilte: einunddreißig. Das Tageslicht entblößte seine vom Rauchen gelben Zähne. Er trug das dunkle Haar länger, es war gut geschnitten, aber ungewaschen und lag am Kopf wie hingeklatscht, an den Enden gelockt. Wir tranken einen Kaffee im Augarten. Dass ich mich wieder melden würde, sagte ich ihm. Zum Abschied gab er mir einen Kuss auf den Mund.
Ein anderes Mal, als ich mit Lea ausgegangen war, lernten wir zwei junge Dichter kennen. Wir aßen sehr süße Krapfen, tranken sehr süßen Wein. Am nächsten Tag waren Lea und ich völlig erschlagen, kotzübel war uns. Wir meldeten uns krank.
Einer der Dichter stand die Woche darauf abends vor der Kanzlei. Ich war mit O. verabredet. Dem Dichter sagte ich, dass ich mich melden würde. Irgendwann. Ein Gedicht solle ich ihm schicken, mein bestes, rief er mir nach.
Noch jemanden hatte ich in dieser Zeit kennengelernt: Z. Auch er war zerrissen wie ich: gefangen in den Mauern des Rechts, durchbrochen mit einem Studium der Kunstgeschichte.
Ich beschloss, die Sache mit O. nach der Rückkehr von meiner Reise zu beenden.
M. textete mir, ich solle das Studieren endlich sein lassen und einfach schreiben, Kunst müsse geschaffen werden. Da sah ich, wie sich zwei Männer näherten. Sie blieben vor der blonden Frau neben mir stehen und luden sie auf ein Getränk ein. Dann redete mich der schmalere von den beiden an, ob ich auch Lust auf ein Getränk hätte. Nein, danke, sagte ich und hielt mein halbvolles Glas in die Höhe. Er prostete mir zu. Wir kamen ins Gespräch. Und während wir redeten – er war Arzt, wie er mir bereits im zweiten Satz sagte – fiel mir nicht auf, dass sein Freund eine weitere Runde bestellt hatte. Mir wurde ein neues Glas angeboten, das ich annahm, weil mein Wein ausgetrunken war. Der Arzt fragte mich, ob ich mit ihm aufs Zimmer mitkommen würde.
Im Zimmer war es dunkel. Nur die Haut des Arztes leuchtete. Ich musste lachen. Wie im Arztkittel steht er da, dachte ich. Er lachte einfach mit. Er sagte, du machst das nicht zum ersten Mal und lächelte. Du aber auch nicht, sagte ich. Spaß müsse schließlich sein, sagte er. Ob ich zu Hause einen Freund hätte, fragte er. Er habe eine Frau und einen kleinen Sohn. Ich kann das nicht, sorry, sagte ich, suchte meine Sachen zusammen und lief aus dem Zimmer. Bitch, hörte ich, bevor die Tür ins Schloss fiel.
Am nächsten Tag rief ich O. an. Dass es besser sei, wenn wir uns nicht mehr sähen, sagte ich. Nein, ich wolle nicht mehr reden zu Hause. Außerdem würde ich meinen Aufenthalt verlängern. Ich würde versuchen, zu schreiben. Einen Roman, sagte ich und hörte die Leitung am anderen Ende knacken. Ich legte auf. Dann rief ich in der Kanzlei an.
Noch unveröffentlicht.
Verena Dolovai, 1975 in Gmunden geboren, absolvierte Studien der Rechtswissenschaften & Dolmetsch- und Übersetzerwissenschaften, lebt in Klosterneuburg. Zahlreiche Publikationen in Literaturzeitschriften und Anthologien. Shortlist Österreichischer Buchpreis 2024 / Debüt für den Debütroman Dorf ohne Franz (Septime Verlag, 2024). Hans-Weigel-Literaturstipendium des Landes Niederösterreich 2024/25.
Verena Dolovai
Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Verena Dolovai, die Bildrechte bei Doris Lipp.



