Kipppunkt
- August 28, 2026
- by
- Manfred Lipp
Als sie ihn schlugen, floh er nicht. Es wäre möglich gewesen, in jenem Moment, als er sich ihrem Griff entwunden hatte; er aber blieb. Er dachte, es wäre Standhaftigkeit, die ihn nicht weichen ließ, ihn an die Stelle zwang, an der er einen ungleichen Kampf focht, doch er irrte sich. Es war Trotz. Die, die ihn schlugen, kannte er nicht. Sie waren aus dem Dunkel des Haustors getreten, hatten sich rasch um ihn geschart, waren schamlos in der Überzahl. Feiglinge blühen auf im Schutz der Gruppe, dachte er, als er seine Lage abwog....
Hinterher
- August 14, 2026
- by
- Manfred Lipp
Ich habe doch niemanden mehr, sagt Mutter. –
Bin ich niemand? frage ich. –
Du bist nie hier, meint sie. Du lebst so weit weg. –
Kinder werden erwachsen, antworte ich. Sie ziehen fort. –
Ich weiß, flüstert Mutter. Ich mache dir keinen Vorwurf. –
Ich schweige, beiße mir auf die Unterlippe, halte das...
Zweimal
- August 07, 2026
- by
- Manfred Lipp
Mein lieber Vater. Ich sitze an Deinem Schreibtisch und sortiere die losen Enden Deines gewesenen Lebens. Schwierig ist es nicht, denn die Ordnung, die Du immer gehalten hast, wirkt über Deinen Tod hinaus und Du sollst wissen, dass ich Dir dafür dankbar bin. Im Haus ist es still geworden; sein Puls ist nun, da...
Nicht schlimm, oder?
- Juli 24, 2026
- by
- Manfred Lipp
Was ist, wenn man tot ist, Papa? –
Ich weiß es nicht, Alma. –
Sind die Toten dann traurig? –
Die Toten? Eine Weile vielleicht. Nicht lange. –
Warum sind sie traurig? –
Weil sie dann wissen, was sie im Leben versäumt haben. –
Ist Opa jetzt auch traurig, Papa? –
Ich glaube nicht,...
Wege, getrennte
- Juli 17, 2026
- by
- Manfred Lipp
Das Haus kennt mich nicht mehr. Dreimal schon bin ich am Zaun entlanggegangen, habe meine Schritte verlangsamt, zu den Fenstern im Obergeschoß geschaut und zur Terrassentür, die geschlossen ist. Jedes Mal habe ich überlegt, stehen zu bleiben, habe es sein lassen, war zu feige. Es ist nicht mehr mein Haus, sage ich mir. Ich...





