Immern üben
- Oktober 20, 2026
- by
- Sylvia Geist
Wir sitzen unter dem Walnussbaum.
Im Sommer haben wir immer unterm
Walnussbaum gesessen. Wir saßen
auf unseren steinwarmen Plastikstühlen
unter diesem Walnussbaum und sahen
dem langsamen Abend zu. Jetzt werden
wir da nicht mehr sitzen. Werden für
immer unter unserem Walnussbaum
gesessen haben, abgeerntet von Wind oder
flinken, schwärzlichen Eichhörnchen,
und dort näher nebeneinander gerückt als
an irgendeinem Sommerabend nicht sehen,
wie lang wir über die mondlichten Kiesel
wachsen, raffen wir uns auf und gehen.
Noch unveröffentlicht, 2026
Sylvia Geist, geb. 1963 in Berlin, lebt in Hannover. Zuletzt erschienen u.a. der Gedichtband Fremde Felle (2018), die gemeinsam mit Ghayad Almadhoun herausgegebene Anthologie Kontinentaldrift. Das Arabische Europa (2023) und der Roman Weißes Wasser (2024). Ihre Arbeit wurde u.a. mit dem Lyrikpreis Meran (2002), der Adolf-Mejstrik-Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung (2008), dem ver.di Literaturpreis Berlin-Brandenburg (2014), dem Stipendium zum Rainer Malkowski-Preis (2018) sowie mit einem Arbeitsstipendium des Deutschen Übersetzerfonds (2025) ausgezeichnet. In ihrer Übertragung erschienen neben Gedichten von John Ashbery und Peter Gizzi ein Lyrikband von Chirikure Chirikure sowie die Anthologie Ankunft eines weiteren Tages mit zeitgenössischer Poesie aus Südafrika; der von ihr mitübersetzte Band Ich bin nicht von Sam Zamrik erhielt eine Lyrikempfehlung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (2022).
Ihre Übersetzung des im September 2026 erschienenen Auswahlbandes Wie ein Fahrrad im Gegenlicht mit Gedichten von Charl-Pierre Naudé wurde vom PEN Afrikaans Translation Fund gefördert.
Sylvia Geist
Gerhard Lietz, geb. 1936 in Berlin, wanderte nach einer Ausbildung zum Hausmaler 1957 nach Kanada aus. In den ersten Jahren arbeitete er als Schienenleger und in Sägemühlen, bevor er eine Anstellung in Kamloops fand. In den späten 60er Jahren empfahl ihm der Gast einer Nachbarin, dem einige auf der Treppe abgestellte Gemälde aufgefallen waren, sich bei der Vancouver School of Art (die heutige Emily Carr University of Arts and Design) zu bewerben. Dort studierte er u.a. bei Donald Jarvis und wurde mehrfach mit Talentstipendien ausgezeichnet. Nach einer katastrophalen Erfahrung mit einer Galerie in Vancouver, wo mehrere Bilder verlorengingen, entschloss er sich Mitte der 70er Jahre, nicht mehr öffentlich auszustellen. Heute hängen Arbeiten von ihm in zahlreichen privaten Sammlungen in Kanada, den USA, England und Deutschland. Im Jahr 2001 lernte er Sylvia Geist kennen; die beiden heirateten 2012. Seit den Nuller Jahren stellte Gerhard hin und wieder in Galerien aus, u.a. zweimal in der vom New Westminster Arts Council kuratierten Centennial Lodge. Er starb am 27. Februar 2026.
Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Sylvia Geist, die Bildrechte bei Gerhard Lietz (»Moonlight III«, Aquarell).



