Fernweh

Fernweh

Fortgehen. Abstand gewinnen. Neu beginnen. Wenn die Sehnsucht nach einem anderen Ort erwacht, dann will man nur noch fort. Ich wusste schon als Kind, dass ich einmal wegwollte. Wohin? Keine Ahnung. Warum? Ich konnte es nicht benennen. Hauptsache: Hinaus in die Welt!

In der Bibliothek meines Vaters stand eine ausgeblichene Weltkugel, montiert auf einem quietschenden Holzgestell. Für mich die Verkörperung von Entdeckungslust und Fernweh. Die Kontinente in Ocker, Grün, Orangerot und Sepia, die Meere in blassem Blau, durchzogen von feinen Linien in Gold und Schwarz. Sie bezeichneten Länder, Kontinente und Seewege. Der Äquator trennte Nord und Süd, die Welt war geordnet in Breiten- und Längengrade und doch voller aufregender Geheimnisse.
Ich drehte die Kugel, immer wieder, ließ meinen Finger über Länder, Meere, Gebirge und entlegene Inseln reisen, über weiße Eisschollen in der Antarktis. Manchmal stand mein Vater neben mir, begleitete meine imaginären Reisen und erzählte mir von Ländern und Kontinenten, von Russland, China, Afrika, Amerika und vom weiten Meer. Ich umrundete die Erde vorwärts, rückwärts, kreuz und quer mit meinen Augen und meiner Vorstellungskraft.

Er merkte schnell, wie sehr mich der Erdball faszinierte. Der leidenschaftliche Hobbygeograf freute sich, dass die Tochter seine Begeisterung teilte. Zu Weihnachten, ich war vielleicht zehn, schenkte er mir Die Wunder dieser Welt. Unter all den Geschenken griff ich instinktiv nach diesem großformatigen Bildband, setzte mich neben den Kachelofen und blätterte stundenlang darin. Ich versank in den Bildern von Städten, Landschaften, Ozeanen.
Je mehr ich las, umso mehr wollte ich barfuß durch den Sand der Wüste Gobi stapfen, das Krachen hören, wenn ein Eisberg kalbt, unter einem Baum in Angkor Wat stehen, dessen Wurzeln Mauern verschlingen. Ich wollte auf den Eiffelturm steigen und von dort Paris bestaunen, im Kolosseum mit geschlossenen Augen römische Gladiatoren heraufbeschwören. Und ich wollte bis zur Krone der Freiheitsstatue klettern und von dort auf New York blicken.
Also lernte ich fleißig, las noch mehr: Ich verschlang Bücher über Entdeckungsreisende, Abenteuerromane, Biografien von Roald Amundsen, James Cook, David Livingstone und Christoph Kolumbus. Mein Plan war klar: Wenn ich neunzehn und erwachsen bin, reise ich los.

Auch die großen Wandkarten im Geografieunterricht übten einen Zauber auf mich aus. Ich meldete mich freiwillig als Kartenträgerin, deren Aufgabe es war, die Karten für den Unterricht vom Dachboden der Schule zu holen. Bei Unterrichtsbeginn erschien ich in der Klasse mit einer Weltkarte im Arm, triumphierend wie eine stolze Eroberin.
Am meisten liebte ich die Weltkarte von Kümmerly & Frey. Das Meer leuchtete verlockend in Türkisblau, die Kontinente in Grün, Grau, Gelb, Braun. Wie Puzzleteile schienen die Erdteile zusammenzupassen. Wann hatten sie sich voneinander getrennt? Europa war ein dichter Garten aus Linien und Namen, als hätte sie jemand mit einem feinen Stift beschrieben. Afrika war riesig, hell, weit, mit Wüsten wie raues Büttenpapier. Nordamerika erschien mir als ein großer Albatros, der Mittelamerika wie einen Wurm an den wuchtigen Vogel Südamerika reicht.
Und zwischen allem: das Meer. Das große blaue Dazwischen. Hellere Farbtöne umspielten Inseln, dunklere zeigten die Tiefe. Über die Ozeane spannten sich Linien, wie Spinnennetze oder geheime Wege. Ich stellte mir Schiffe vor, die ihnen folgten, irgendwohin, zu fernen Ufern. Ganz unten am Rand die Antarktis, weiß wie Zuckerguss, auf dem Pinguinkolonien lebten.
Zwischen Europa und Amerika der Atlantik. Das große Wasser. Die Nahtstelle zwischen Afrika, Europa und Amerika. Untereinander verbunden durch sich kreuzende Seewege. Eines Tages würde ich sie befahren. Sie erzählten Geschichten. Eines Tages würde ich sie aufschreiben.

Noch unveröffentlicht.

Christa Prameshuber, geboren 1961 in Linz, begann nach einem Studium in Innsbruck eine internationale Berufslaufbahn in der Schweiz. Seit 2015 veröffentlichte sie eine Trilogie über ihre drei Linzer Großtanten sowie ein Buch über ihre Zeit als Turmeremitin im Linzer Mariendom. Texte von ihr erschienen in mehreren Anthologien.
Sie ist Mitherausgeberin des Kurzgeschichtenbands Ich erröte vom Schaft bis zur Sohle. Schuhgeschichten (2026, Arisverlag, Zürich) sowie Herausgeberin der Anthologie Wannst net fort muasst, so bleib? – Oberösterreichische Schriftstellerinnen erzählen (2026, Trauner Verlag, Linz). Sie ist Mitglied im Innerschweizer und im Österreichischen Schriftsteller*innenverband.
Christa Prameshuber

Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Christa Prameshuber, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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