Genau hinsehen
- Februar 10, 2026
- by
- Britta Mühlbauer
U6-Haltestelle Alser Straße. Mein Waggon bleibt vor einer Bank stehen, auf der ein Obdachloser sitzt. Ich erschrecke über seine Beine. Sie ruhen auf den Säcken mit seinen Habseligkeiten, knorrige Stämme, die in dichten Blattfächern enden. Ich denke an Aliens, Märchenwesen, die Vogelscheuche aus dem Zauberer von Oz. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich das um die Beine geschnürte Zeitungspapier.
Der Mann schabt etwas von einer Alufolie, eine weiße Substanz, steckt den Finger in den Mund, leckt ihn sorgfältig ab. Jemand hat mir erzählt, dass es eine neue Droge in der Stadt gibt. Erst auf den zweiten Blick wird mir klar, dass es sich um eine klebrige Paste handelt und bei der Alufolie um eine Streichkäse-Verpackung.
Die U-Bahn bleibt noch einen Augenblick stehen und gibt mir Zeit, darüber nachzudenken.
Noch unveröffentlicht.
Britta Mühlbauer. Autorin und Schreibpädagogin (seit 2018 beim BÖS – Berufsverband österreichischer Schreibpädagog:innen). Lebt und arbeitet in Wien. Studium der Musikpädagogik, Romanistik und Germanistik. Moderiert Lesungen und Werkstattgespräche. Mitglied der GAV. Erzählungen erscheinen in Literaturzeitschriften und Anthologien, die Romane „Lebenslänglich“ (2008) und „Inventurdifferenz“ (2013) bei Deuticke. 2018 erhielt sie das Adalbert-Stifter-Stipendium, 2019 den Marianne.von.Willemer.Preis.
Britta Mühlbauer
BÖS
Brigitta Höpler
*1966, lebt und arbeitet in Wien
Autorin, Kunsthistorikerin, Schreibpädagogin
Arbeitsschwerpunkte sind Stadt- und Kunstvermittlung, visuelle Poesie und Poetologie der Alltagsbeobachtung
Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien, Katalogen, Zeitschriften. Ausstellungsbeteiligungen rund um visuelle Poesie.
Brigitta Höpler
Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Britta Mühlbauer, die Bildrechte bei Brigitta Höpler.



