Hänschenklein, der du gingst allein

Gastbeiträge

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Alter Knabe, bist du es wirklich. Ich hätte dich fast nicht mehr erkannt mit deinem Gehstock, deinem Schlapphut, deiner gebückten Haltung. Wieviel unendliche Jahrzehnte, seit wir uns das letzte Mal sahen. Wie ist es dir ergangen, wie zumute, alter Kindheitsverfechter, lebt deine Mutter noch.

Wohin hat es dich verschlagen, hast du deinen Reisegewerbeschein behalten, worauf dich besonnen, drängt es dich weiterhin fort. Erinnerst du dich, wie du mich einst auslachtest, als ich posaunte, jede Weltreise beginne mit einem Dreirad, eine staubige Hauptstraße hinunter, an drei Misthäufen vorbei. Und wie wir durchs Münzfernrohr mit dem erbettelten Fuffzgerle den Amerikazipfel der nahen Kreisstadt erblickten. Räuberliebchen, Rockerbraut, was nur wurde aus diesem einen Mädchen, das sich als erste Ohrlöcher stechen ließ. All unsere Warumfragen und die Darumantworten. Deine auswendiggelernte Konfirmandenfürbitte, könntest du sie dir noch aufsagen. Und waren wir damals eigentlich gehorsam oder haben wir bloß gehorcht.

Ach, unsere Wissenslücken, die so groß waren wie Scheunentore. Diese Scheunentore, mit ihrem Schwalbenglück, deren Offenheit der stets unverschlossene Hauseingang war. Sag, sind wir denn also hineingegangen in die Welt oder hinaus in ihre Weite. Wir mit unserem Orientierungssinn, mit dem wir uns später selbst auf abgesteckten Weinlehrpfaden verlaufen sollten. Weißt du noch, ein jeder Schäferkarren markierte die Mitte seiner schneeverklärten Landschaft. Weisungsbefugt zeigte der Wipfel des gefällten Baumes in die Gegenrichtung einer Gegenrichtung. Und immer war es von hier bis zum nächsten Flecken ungefähr so weit gewesen wie ein Matterhorn hoch war. Und überall lehnte eine Verlorenheit als Radkappe am Straßenrand.

Noch unveröffentlicht.
Das Zusammenfalten der Zeit“ erscheint im September 2022, Kröner Edition Klöpfer.

Walle (Walter-Hermann) Sayer, 1960 geboren. Kindheit und Jugend im Schatten des 1478 erbauten und 60 Meter hohen Bierlinger Kirchturmes, der mit seiner Höhe „ein Veto ragt ins amtierende Licht“. Lebt und schreibt in Horb am Neckar. Veröffentlicht seit 1984 Gedichte und Prosa. Verschiedene Auszeichnungen, zuletzt: Basler Lyrikpreis 2017 sowie Gerlinger Lyrikpreis 2018; 2020/2021 erhielt er ein Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds.
Zuletzt erschienen: „Nichts, nur“, ein Auswahlband, Kröner Edition Klöpfer 2021, „Mitbringsel“, Gedichte, Klöpfer 2019 und „Was in die Streichholzschachtel paßte“, Feinarbeiten, Klöpfer&Meyer 2016.
Walle Sayer bei Literaturport

Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Walle Sayer, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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