Shadow
- Februar 24, 2026
- by
- Niels Zubler
Er hiess Shadow. Tatsächlich hatte er ein schattengraues Fell, das ihm wohl seinen Namen gegeben hatte. Aber er bewegte sich auch wie ein Schatten. Manchmal streunte er durch unseren Weiler. Er trabte so leise und geschmeidig, dass wir oft nicht wussten, ob er es gewesen war oder ob unsere Wahrnehmung uns getäuscht hatte. Er gehörte dem Hirten, der in den Hügeln da draussen unsere Schafherde weidete. Er liess Shadow seine Freiheit, wenn er ihn nicht brauchte. Vielleicht war es auch so, dass der Hirt ihn nicht ständig um sich haben wollte.
Manchmal, wenn ich am Tisch vor meinem Haus die Zeitung las, kam Shadow zu mir und rollte sich zu meinen Füssen ein. Ich gebe es zu, es war nicht nur, weil er mich mochte. Ich steckte ihm gelegentlich einen Happen zu. Neben seiner Schattenhaftigkeit hatte er einen auffälligen Blick. Nie habe ich traurigere Augen gesehen. Ich sprach den Hirten darauf an, ob es einen Grund dafür gäbe. Nicht, dass ich wüsste, vielleicht hat er zu viel Leid, das überall herumliegt, auf sich genommen, sagte er und lachte. Dann fügte er hinzu: Er ist ein sensibler Hund.
Wenn der Hirt Shadow für seine Arbeit benötigte, stieg er auf einen Hügel und pfiff ihm. Kaum hatte er gepfiffen, war der Hund zu seiner Seite. Gelegentlich ging ich hinaus zu der Herde und schaute den beiden zu, wie sie die Schafe zusammentrieben, um sie auf eine andere Weide zu führen. Es war ein erstaunliches Schauspiel. Der Hund gab keinen Laut von sich. Er kam den Schafen nicht einmal nahe. Er huschte an ihnen vorüber, während der Hirt bedachtsam seine Positionen dem Spiel Shadows anpasste. Es dauerte nicht lange und sie zogen weiter.
Zuerst bemerkten wir es nicht, als sich das Gesicht des Hirten verdunkelte. Es war ja wettergegerbt. Aber dann war nicht mehr zu übersehen, dass es eine graue Färbung annahm. Ich sprach ihn an und sagte, etwas stimme nicht mit ihm, er müsse zum Arzt. Ach was, sagte er, es ist der Hund. Sein Blick ist nicht nur todtraurig, er ist auch vorwurfsvoll. Ich ertrage ihn kaum noch. Das bilde er sich nur ein, sagte ich zum Hirten, er sei krank. Ich sagte noch, wenn es stimmen würde, müsse er einen anderen Hund erwerben. Ich würde ihm Shadow schon abnehmen. Er schaute mich irritiert an. Einen besseren Hund habe ich nie gehabt, sagte er und ging.
Es war keine vorübergehende Krise. Endlich brachte ich den Hirten persönlich mit meinem Wagen zum Arzt, der im Städtchen in unserer Nähe seine Praxis hatte. Der meinte, es fehle ihm nichts. Er sei kerngesund. Es sei halt ein bisschen einsam da draussen. Er verschrieb ihm Tabletten, die ihn etwas aufheitern sollten. Wir fuhren zurück zu unserem Weiler. Danke, sagte der Hirt, als er aus meinem Auto gestiegen war. Schon gut, sagte ich. Er ging.
Am nächsten Tag fand man ihn erhängt an einem Ahornbaum. Shadow lag zusammengerollt unter ihm. Als wir kamen, stand er auf und winselte. Ängstlich wich er vor uns zurück.
Offenbar war ich nicht der einzige, dem der Hirt gesagt hatte, der Hund sei an seiner Krise schuld. Jedenfalls bedrängten die Bewohner unseres Weilers die Tierärztin, den Hund einzuschläfern. Ich erhob Einspruch. Ich nehme den Hund, sagte ich. Es gab ein paar Gespräche mit der Tierärztin. Sie befand mich dann als geeignet.
Ich war gewarnt. Ganz für irre hielt ich den Hirten nicht. Ich schaute Shadow selten ins Gesicht. Wir machten lange Spaziergänge. Shadow war sehr anhänglich und tat mir gut. Manchmal nahmen wir den Zug und reisten in ein Land im Süden. Das Licht dort war hell und klar und die Schatten, die es warf, waren angenehm. Unser beider Gemüt hellte sich jeweils auf. Es war auf einer dieser Reisen, als Shadow, während ich an einem Tisch vor der Kneipe die Zeitung las, zu meinen Füssen für immer einschlief. Er war sehr alt geworden. Ich hatte danach keinen Hund mehr. Manchmal vermisse ich ihn, wie er leicht federnd, vollkommen geräuschlos an meiner Seite ging.
Der Text ist aus der Inspiration der Betrachtung des Beitragsbilds (© Doris Lipp) entstanden.
Niels Zubler lebt in Schaffhausen in der Schweiz. Er schrieb sein Erwachsenenleben lang Gedichte, von denen wenige, aber regelmässig in der Literaturzeitschrift «orte» und im literarischen Jahresheft «Mauerlaeufer» veröffentlicht wurden. Seit 2022 ist er Mitherausgeber des «Mauerlaeufers». Er ist Preisträger des Kurzgeschichten Wettbewerbs 2025 des Internationalen Bodensee-Clubs. Anlässlich dieses Preises erschien eine Sammlung von Kurztexten im Buch «Blumen ohne Gewähr», edition ensemble, erhältlich über den Buchhandel oder direkt bei niels.zubler@bluewin.ch
Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Niels Zubler, die Bildrechte bei Doris Lipp.



