Sopo

Gastbeiträge

Written by:

Views: 130

Der Garten am Writers House of Georgia füllt sich … Nun stehe ich mit Sopo noch ein wenig im Garten, bevor drinnen im weißen Saal das Literaturfestival eröffnet wird. Wir stehen da, und schauen uns um, während wir nach Worten suchen. Sopo wirkt etwas in sich gekehrt, verschlossen vielleicht, auf jeden Fall recht still.

Ich beobachte, wie unweit von uns Nino Haratischwili gerade ihr Baby aus dem Wagen nimmt, ein wenig in ihren Armen wiegt, bevor sie es dann ihrem Gefährten anvertraut. Er wird sich kümmern, während die berühmte Schriftstellerin ihre Lesung hält. Ich erinnere mich an eigene Zeiten und sage: »Es ist nicht einfach, mit Kindern und als Schriftstellerin.«
Sopo reagiert ungerührt: »Die heutigen Mütter haben es viel einfacher als wir im Bürgerkrieg damals – ohne Gas, ohne Licht, ohne Wasser.« – »Bitte?« – »Ich habe beide Söhne in den 1990er-Jahren zur Welt gebracht. Und das war wirklich schwer, sehr, sehr schwer.« – »Wollen wir uns ein wenig setzen?«
Gerade ist eine der Bänke frei geworden.

»Als Georgien unabhängig wurde, war ich 27 Jahre alt und arbeitete am Institut für Literaturgeschichte. Mit der Unabhängigkeit endete für uns das russische Geld, stattdessen wurden Coupons eingeführt. Ich bekam ein Gehalt von sieben Millionen auf Coupon. Aber ein einziges Brot kostete schon fünf Millionen. Es war ein großes Durcheinander.
Konkret sahen die ersten Tage der Unabhängigkeit so aus: Es gab keine Elektrizität, auch kein Gas mehr. Russland hatte uns von Strom und Gas abgeschnitten, weil wir ja nun separat waren und nicht mehr Mitglied der Russischen Föderation. Auch Brot gab es kaum. Wir haben in endlosen Schlangen gestanden, um Brot zu kaufen. Wasser gab es zwar, aber zum Beispiel in meinem Haus nur in den unteren Stockwerken. Denn zu uns nach oben, in die siebte Etage, hätte es hochgepumpt werden müssen. Diese Pumpen funktionierten aber elektrisch; und Strom gab es ja nicht. Also stieg ich mit dem Eimer hinunter in die dritte Etage, um Wasser zu holen. Und mit jedem Kind wuchs unser Wasserbedarf … Es waren harte Zeiten, sehr, sehr harte.«

Immer mal wieder hält Sopo inne, während sie erzählt, um sich zu erinnern. »Georgien war noch auf dem Weg zum eigenen Geldschein. Das alte Geldsystem war kaputt, ein neues funktionierte noch nicht. Die Leute verkauften alles Mögliche von zu Hause – Gold, Bilder … Erst ab 1995 gab es dann Lari. Da hatte sich die Situation dann langsam stabilisiert.«

»Und der Bürgerkrieg?«
»Der hatte an meinem Geburtstag begonnen, am 22.12.1991! Es war damals gefährlich, überhaupt auf die Straße zu gehen. In der Nähe von Tbilissi gibt es ein künstliches Meer. Wir nennen es einfach – das Meer. Es liegt etwa zwölf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Und dort lebte ich in dieser Zeit, wohnte bei meinen Eltern. Unter unseren Fenstern kämpften die Anhänger von Gamsachurdia, des ersten Präsidenten, gegen das aufständische Militär. Die Schüsse gingen hin und her. Im Zentrum von Tbilissi brannten Häuser, besonders in der Nähe des Parlaments. Im kommenden Jahr, 1992 dann, wurde mein erster Sohn geboren, im darauffolgenden der zweite. Wir sind alle miteinander durchgekommen. Aber es war so schwer. Dann wurde Gamsachurdia aus dem Land gejagt. Die offizielle Version lautet, dass er sich das Leben genommen hat. Seine Anhänger meinen allerdings, er wäre getötet worden. Diese harte Periode dauerte für uns zwei bis drei Jahre. Erst dann, langsam, verbesserte sich die Lage.«

Ich komme nicht mehr dazu zu antworten, denn es ist still geworden. Wir sind die Letzten im Garten. Durch die großen Fensterscheiben sehen wir den weißen Saal im Haus der Schriftsteller voller Menschen und gehen mit hinein.

Aus:
Constanze John: 40 Tage Georgien. Unterwegs von Tiflis bis ans Schwarze Meer, DuMont Reise, 2018

Constanze John, 1959 geboren. Leipzigerin mit Leib und Seele. Reiseschriftstellerin, die sich auch der Prosa und Lyrik verschrieben hat. Arbeitet für Hörfunk und Bühne und ganz besonders gern mit Kindern und Jugendlichen.
Zuletzt erschienen: „40 Tage Aserbaidschan“, Verlag DuMont Reise, 2020. Nach „40 Tage Armenien“ und „40 Tage Georgien“ das dritte Buch, das sich dem Kaukasus widmet, der groß und vielfältig ist. Und voller Geschichten steckt.
Constanze John
40 Tage Georgien bei DuMont Reise

Die Textrechte dieses Beitrags liegen beim Verlag, die Bildrechte bei Constanze John.

Comments are closed.