Walodja erzählt
- März 03, 2026
- by
- Kornelia Boje
Jetzt, hier, hat er, Walodja, sprechen können, hat es in Ullas Sprache sagen können. In diesem Niemandsland hier, dieser kleinen, zerfallenen Hütte mitten im Wald von Nirgendwo, hat er erzählen können von sich, langsam, die Worte gesucht und gefunden.
Von seiner Trauer über sein verunsichertes Land sprach er, wie über einen geliebten Menschen, von den ‚in die Winde der russischen Weite zerstobenen Hoffnungen und Träume‘. Über zerbrochene Freundschaft, zerstörtes Vertrauen, aber auch über Werte, die ihm seine Mutter, seine Mam, vorgelebt hat. Die ihn die Zeit bei der Armee durchhalten ließen. Niemand konnte sie aus ihm herausprügeln. Niemand.
Niemand? Nichts?
Sein einziger Freund, ein junger Tschetschene, Salawdi, der jeden zweiten Montag den weiten Weg mit dem Zug aus Kargalinskaja in Tschetschenien nach Rjasan kam, um auf dem Markt Kleider zu verkaufen, die seine Mutter und seine beiden Schwestern zuhause nähten und der immer ein freundliches Lächeln für alle hatte, Salawdi verschwand im August 1994, kurz vor Beginn des 1. Tschetschenischen Krieges. Der nie als Krieg bezeichnet wurde, denn alles geschah ‚zum Schutz des Volkes gegen die Banditen, die Terroristen‘.
Wessen Volkes, welchen Volkes, welche Banditen?
Walodja hat das alles nie begriffen. Die großen Präsidenten, ob Jelzin, ob Putin, sie gaben gebetsmühlenartig immer wieder die gleiche Litanei von sich, und nun war der gefürchtete Brief da. Und er sah Salawdi vor sich, seinen Freund. Er hatte ihm geholfen, als sie mal wieder über ihn hergefallen waren, die Jungen aus dem verkommenen Viertel, in dem er mit der Mutter lebte.
Die Mam nahm Salawdi vorsichtig freundlich auf. Bald sah sie in ihm einen angenommenen Sohn, einen großen Bruder ihres Walodja, sie spürte, auf Salawdi konnte sie sich verlassen.
An einem Augusttag blieb er aus. Ein Fest wollten sie feiern, seinen Geburtstag, er kam nicht. Auch die nächste Woche nicht, er kam nie mehr.
Salawdi war verändert gewesen in den letzten Monaten, er sang kaum noch. Wich Fragen nach der Mutter, den Schwestern aus. Einmal hörte Walodja: wir werden siegen. Wer wir? Wen besiegen? Walodja mußte fürchten, daß es um den Befreiungskampf der Tschetschenen ging, von dem Salawdi ihm erzählt hatte.
Voll Misstrauen sah er danach die Nachrichten im Fernsehen, hörte die Worte. Glaubte ihnen nicht mehr.
Salawdi war aus seinem Leben verschwunden, und er mußte wieder sein kleines, einsames Leben leben. 17 Jahre war er alt.
Der Tag war da.
Sie weinte, klagte, die Mam, wollte den Sohn nicht aus den Armen lassen, wiegte ihn hin und her. Geh nicht, ich verstecke dich, immer wieder sagte sie das, da kamen sie schon, holten ihn. Wo bringt ihr ihn hin? Knurrend zogen, zerrten sie Walodja zur Tür hinaus, wirst du schon noch erfahren, war alles, was sie zu hören bekam.
Die Ungewißheit hatte ein Ende, er mußte nicht mehr auf die Zukunft warten. – In ihm wurde es kalt. … So sollte es bleiben.
Die Zeit der Grundausbildung wurde in seinem Kopf ein dunkelroter wunder Punkt, an den er nicht denken mochte, er klammerte ihn aus, so gut es ging. Schon vorher hatte er von Jungen gehört, die zum Militär eingezogen wurden, und dann waren sie tot. Einfach so, die Mütter raunten sich zu, ‚Selbstmord, der Pjotr, der Igor und nun auch der Boris‘, gequält sind sie worden, von den eigenen Leuten, den Ausbildern, die noch kurz vorher selbst gequält worden waren, auch sie von ihren Ausbildern. Dedowtschtschina. Ein furchterregendes Wort. In der ‚Gewalt der Großväter‘. Viele hielten es nicht aus, wollten lieber tot sein, als diese Erniedrigungen nicht nur ertragen, sondern für immer in ihrer Seele mit sich schleppen zu müssen. … Viele der Mütter brachten ihre Söhne heimlich zu entfernten Verwandten aufs Land, weit fort von den Einsatzdienststellen des Militärs; wie oft half es nicht, Militär-Spione gab es überall, die Söhne wurden gefunden.
Dann kam der schwarze Tag, nach der Grundausbildung. Walodja fuhr lange in einem Zug, mit Vielen. Sie waren alle jung.
Kaukasus, Tschetschenien.
Er diente in einem Garde-Panzerregiment, war einem Oberst unterstellt, den Namen hat er aus seinem Gedächtnis getilgt. Der Oberst hatte einen fahrbaren Befehlsstand.
Dorthin mußten er und Leonid, ein Soldat aus Kasan, Mädchen bringen, der Oberst gab immer detailliert an, welche. Bei Razzien, die sie in den Häusern der Städte und Dörfer machten, um ‚Banditen‘, ‚Schwarze‘, wie die Kaukasier seit jeher genannt wurden, auszuheben, registrierten seine gierigen Augen die Mädchen, die für ihn in Frage kamen. Er merkte sich die Straße, das Haus, die Namen, gab sie an Walodja und Leonid weiter, sie wußten, was sie zu tun hatten. Sie gingen in die ärmlichen, meist zerschossenen Behausungen, verängstigte Frauen drängten sich in die Ecken, und er und Leonid mußten die eine, die ‚auserwählte‘, herausholen. Sie führten den Befehl ‚Frau zum Verhör!‘ aus, sie hatten die Brutalität des Oberst schon oft erfahren müssen, bei kleinster Gelegenheit prügelte er, schoß er um sich.
Sie brachten die Mädchen zu ihm, dem Oberst, der, in Unterzeug, angetrunken, heiter, wartete. Dann wurde es laut in der Nacht, sehr laut, Musik dröhnte, Männerlachen übertönte Wimmern, Schreie. Walodja verkroch sich zum Schlafen in eine Hütte am Rand des Waldes, in dem seine Truppe in einem befestigten Lager kampierte.
Eines Nachts, die Schreie des Mädchens waren abrupt verstummt, kam sein verstörter Gefährte, Leonid, der wußte, wo er sich verkrochen hatte.
„Komm“, flüstere er, mehr nicht, „komm“.
Da lag sie, vor dem Befehlsstand des Obersten, nackt und tot, ein schmutziges Laken flüchtig über sie geworfen.
„Wir sollen sie verscharren“, Leonid brachte die Worte nur mit Mühe hervor, er war 18 Jahre alt, er hatte zu Hause eine Schwester, diese hier war ihr ähnlich.
„Er erschießt uns wie Hunde, hat er gesagt“, nur das brachte Leonid noch heraus. Walodja nickte. Sie hoben das noch warme Bündel Mensch hoch, trugen es zum Waldrand. In einer Grube, deren Boden vom letzten Gewitter feucht und weich war, begruben sie das Mädchen, bestatteten es so gut sie konnten. Walodja versuchte sich an Salawdis Rituale zu erinnern, es gelang ihm nicht, leise ging er zu orthodoxen Gesängen über, in die Leonid einfiel. … Das war der Moment.
Am nächsten Morgen beschloß er, sich durchzuschlagen, in den Westen, weg aus dem Wahnsinn, der wahllos Menschen und deren Lebensraum zerstörte. Die Mutter würde er nachholen.
Ein halbes Jahr dauerte die Flucht, jeden Tag legte er ein kleines Stück seines Weges zurück, immer nachts, am Tag verkroch er sich in Höhlen oder in den Wäldern, er vermied die Höhenzüge des Kaukasus, blieb an den Rändern der Täler.
Haut und Knochen war er, aber stark, jetzt sollten ihn seine Peiniger zu Hause sehen, jetzt würde er spielend mit ihnen fertig werden.
Er war in Deutschland. …
Er kam in ein Heim für Asylanten, ein Begriff, den er in keiner Sprache je gehört hatte, nun sagte er ihn, wo auch immer jemand auf ihn zukam.
Asyl, Asylant, Asylantenheim, Asylantenrecht, Asyl beantragt, Asyl abgelehnt.
Abgelehnt, nach 4 Monaten. Noch verstand er diese harte Sprache nicht, kaum verstand er den Dolmetscher, der zu seinen Befragungen bestellt worden war, ein merkwürdiges, fremd klingendes Russisch sprach der. Einer aus den ehemaligen Bruderländern. Walodja blieb stumm, sagte nicht seinen, nicht den Namen der Mutter, nicht den Ort seiner Geburt. Wenn er sich preisgab, hatten sie ihn; er würde zurück nach Russland, zurück in die Armee müssen, sie hatten ihn sicher längst verurteilt, in Abwesenheit, zu was wollte er nicht wissen. …
Abschiebehaft, auch das Wort lernte er, von dem Beamten des Ausreisezentrums, der jetzt seine Sache lustlos vertrat. „Nichts zu machen“, sagte der und wirkte befriedigt.
Ausreisezentrum, wieder ein neues Wort. ‚Freiwillig‘ zurück nach Rußland sollte er gehen.
Ein Container-Lager mit Stacheldraht drumherum und einem Pförtner, bei dem er sich zu bestimmten Zeiten an- und abmelden mußte. In winzigen schmalen Zimmern lag er mit Menschen aus Ländern, von denen er noch nie gehört hatte, wie sollten sie sich verständigen.
Er lernte das Wort Abschiebehaft fürchten. Die täglichen Verhöre. Sie wollten seinen Namen, seine Identität aus ihm herauspressen, immer und immer wieder.
„Ein Esser täglich weniger“, hatte der Beamte im Ausreisezentrum gesagt, als einer von Walodjas Mitbewohnern verschwunden war, hat gelacht und Walodja zur Demonstration die Schüssel Suppe vom Tisch gezogen.
Er lief wieder weg, es war einfach, hier rechnete man wohl mit dem Mut der Hoffnungslosen. …
Der Zug, auf den er kroch, wie vor Monaten in der Ukraine, in Weißrußland und Polen, fuhr in die große, laute Hauptstadt der Deutschen … er hörte seine Sprache … schlief tagelang, dort, wo ihn die, die seine Sprache sprachen, aufgenommen hatten.
Abgerichtet haben sie ihn, wie viele andere Jungen, ihm eine alte Gitarre, eine Balalaïka und eine Mütze der ehemaligen Sowjetarmee in die Hände gedrückt. Spiel!
Er spielte, bis er vor Hunger Farben sah, die sich in seinen Körper fraßen. Erst wenn er zur angegebenen Zeit von dort abgeholt wurde, wo sie ihn am Morgen abgesetzt hatten, durfte er schlafen, essen, „sei froh, daß wir dich mitziehen, viel bringst du uns nicht.“
… Illegal.
Illegal, ein neues Wort, sie drohten ihm damit. „Du bist illegal hier, merk‘ dir das, die schmeißen dich aus dem Land, zu Hause stecken sie dich für Jahre ins Lager, bist du ein toter Mann, also!“
Einen falschen Pass hatten sie ihm zugesteckt, er hütete ihn, in Plastik eingewickelt.
Darin stand ‚Walodja‘, sein Vorname, das nahm er als gutes Omen. Den Vatersnamen mochte er nicht, der Familienname war ihm schnell geläufig.
Einmal saß neben ihm auf der Straße einer, mit gekreuzten Beinen wie ein Derwisch in Walodjas Kinderbüchern, der hatte eine Klarinette. Er spielte. Walodjas zu Kiesel zertrümmertes Herz begann wie wild um sich zu schlagen.
Nicht diese Musik, ich will sie nicht hören, sie tut mir weh, sie erzählt von allem, was mir die Mam zu Hause … nicht hier, wo niemand versteht, wo wir auf der kalten Erde sitzen, wer bist du? –
Er lernte Mischa kennen …
Aus:
Kornelia Boje: Erlebtes und Gefundenes, PalmArtPress, Oktober 2025
Das kurze Leben des aus dem 1. Tschetschenien-Krieg geflüchteten russischen Soldaten Walodja – Auszug aus dem Roman Ullas Erwachen, Dielmann-Verlag, 2005
Kornelia Boje – geboren in Berlin – 1942; Schauspielerin – Autorin – Fotografin
Publikationen: „Erlebtes und Gefundenes“, Kurzgeschichtenband, PalmArtPress Berlin 2025; „Gesang der weißen Wände“, Roman & Hörbuch, PalmArtPress Berlin 2020; „Ullas Erwachen“, Roman & Hörbuch, Axel Dielmann Verlag Frankfurt a. M. 2005
Theater: Schauspiel Kiel, Schauspiel Darmstadt, Schauspielhaus Zürich, Schauspielhaus Hamburg, Schauspiel Köln, Ruhrfestspiele Recklinghausen, Schauspiel Frankfurt, tri-bühne Stuttgart
TV- u. Filmrollen, Rundfunktätigkeit (Hörspiel – Literatur – Lyrik – Romanlesungen – Feature – Unterhaltung), Hörbücher, Synchronarbeit
Lyrik-Konzerte mit dem Duo Almuth Krausser-Vistél u. Douglas Vistél im CelloMusikSalon, Berlin
Foto-Ausstellungen in München, Köln, Berlin, Frankfurt, Kunst-Messen in Köln, Frankfurt u. Berlin
Kornelia Boje
Fotografie: Alben
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