Reiterscharen und getunte Autos
- Oktober 21, 2025
- by
- Jürgen Brôcan
Inspiration erschöpft sich nicht, weil die Dinge für die Sinne nie aufhören. Einen Anfang hat sie dennoch – jedesmal. Über der Tür meines Arbeitszimmers hängen im schlichten Glasrahmen zwei (eigentlich sogar drei) verschiedene Porträts. Der Mann auf dem Büttenpapier links befindet sich im mittleren Alter; hinter der damals wohl relativ modischen Brille ist sein Blick in eine offene Zukunft gerichtet, selbstsicher, trotzdem ein wenig fragend, abwartend. Ihm über die Schulter schaut das eigene Kindergesicht, mit einer hohen Stirn, die die kühne Haartolle nicht verdecken kann. Die Photographie rechts im Glasrahmen zeigt denselben Mann mit etwa achtzig Jahren, er schaut skeptisch drein, aber keineswegs verbittert, vielmehr ein bißchen verschmitzt, als wisse er etwas, von dem wir anderen bisher nichts erfahren haben, und sein schlohweißes Haar verleiht ihm eine zerbrechliche, ätherische Anmutung. Heute kennen nur noch wenige diesen spürsamen Dichter und seinerzeit hochgelobten Buchgestalter – ich aber sehe ihn jeden Tag über der Tür meines Arbeitszimmers und bin ihm nach wie vor dankbar, daß er an mein Schreiben geglaubt hat, als noch kein einziges literarisch überzeugendes Resultat von meiner Hand vorlag. Und in Augenblicken der Frustration, Resignation, Ratlosigkeit habe ich manchmal das Gefühl, er stünde direkt hinter mir, schaute mir über die Schulter auf den Bildschirm, und sofort bin ich ermutigt und zugleich auch ermahnt, besser zu werden. Das weiß ich sicher: Ohne ihn wäre ich nicht der, der ich bin, und hätte nicht die Bücher geschrieben, die ich geschrieben habe. Ohne Gotthard de Beauclair. Das ist mein persönlicher Beweis für die These, daß die Literatur entgegen mancher Erfahrung einen – und sei es noch so kleinen – Einfluß auf das Leben haben kann.
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Wahrscheinlich geschieht es beinahe jeden Tag in einem der unzähligen Cafés oder Wohnzimmer einer größeren oder einer kleineren Stadt auf der nördlichen oder südlichen Hemisphäre: Ein paar Menschen unterhalten sich über das, was ihnen am besten gefällt – einer sagt »Fußballspieler«, ein anderer »Popstars«, ein dritter vielleicht »getunte Autos«. Ähnliche Szenen haben sich irgendwann in den letzten Jahrtausenden immer abgespielt, nur waren die Dinge, mit denen man einander zu überbieten versuchte, andere. Auf der Insel Lesbos etwa gehörten im vierten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung »Reiterscharen«, »Fußvolk« und »viele Schiffe« dazu, das jedenfalls überliefert die Lyrikerin Sappho, die zu diesem Gedicht durch ein heimlich in ihrem Mädchenkreis belauschtes Gespräch angeregt worden sein mag. Was ihr Gedicht vom Alltagsgespräch unterscheidet, ist aber nicht bloß die Stilhöhe, sondern auch die Erkenntnis, die philosophische Essenz, die sich anschließt: Das Schönste auf Erden sei, erklärt das lyrische Ich, »wonach ein Liebender trachtet« oder – je nach Übersetzung – »was die Liebe begehrt«, nämlich etwas so Schlichtes und doch wiederum Essentielles wie der Gang eines Mädchens und deren Gesicht, das die Dichterin aus der Erinnerung heraufbeschwört.
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Viele meiner frühesten Erinnerungen sind mit Sprache verbunden; sie strahlte schon damals eine ungeheure Faszination aus, und irgendwann zwischen meinem zwölften und vierzehnten Jahr wußte ich, daß für mich nur eines in Frage käme: die Arbeit eines Schriftstellers. Ich träumte davon, abenteuerliche Romane zu schreiben, bei denen mich unwahrscheinliche Welten erwarteten. Lyrik wäre mir nie in den Sinn gekommen, zumal sie nicht auf der Agenda des Schulunterrichts stand. (…) Verständnis für Dichtung hängt wesentlich von den Erwartungen ab, die man an sie stellt. Daß sie sich ausschließlich der sichtbaren Welt annimmt, ist ihr nicht buchstäblich eingeschrieben; daß die sichtbare Welt nicht banal ist, sondern unerschöpfliche Anregungen für Lyrik bieten kann, ist ebenfalls keine Selbstverständlichkeit. (…) Trotz dieser verführerischen Querverweise steht die Frage im Raum, ob die Beschäftigung mit Dichtung mehr bzw. anderes ist als ein spleeniges Hobby für Idealisten. Denn die Allgegenwart von Gewinnoptimierung und Informationsanhäufung verlangt der Dichtung eine gewisse ›Nützlichkeit‹ ab. Selbstverständlich muß niemand lesen, um weiterzuatmen oder den nächsten Tag zu erreichen. Literatur ist kaum mehr als ein wohlmeinendes Angebot, eines allerdings, das anzunehmen lohnt, eine unterhaltsame Mühe, sofern man gewillt ist, Vergnügen zu ziehen aus der Sprache und sich sensibilisieren zu lassen für einen erweiterten Blickwinkel auf die Welt.
Auszug aus dem ersten Kapitel von Jürgen Brôcan, »Augenblicke der Anwesenheit. Essayistische Überlegungen zur Lyrik« Aphaia Verlag, München 2025.
Jürgen Brôcan, geb. 1965 in Göttingen, lebt in Dortmund als Autor, Übersetzer, Kritiker und Herausgeber. Er hat rund fünfzig Bücher veröffentlicht (über ein Dutzend Gedicht- und Prosabände sowie eine umfängliche Übersetzungsarbeit). Zu seinen Auszeichnungen gehören neben zahlreichen Stipendien der Paul-Scheerbart-Preis und der Literaturpreis Ruhr.
Jürgen Brôcan
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Birgit Böllinger: Rezension zu »Augenblicke der Anwesenheit«
Die Textrechte dieses Beitrags liegen beim Verlag, die Bildrechte bei Doris Lipp.



