Die wahren Lügen
- Mai 19, 2026
- by
- J. Monika Walther
Was sollte sie wem erzählen? Was sollte sie antworten? Das Leben selbst war schon anstrengend. Jeden Tag einen Plan haben, jeden Tag zu entscheiden. Die unendlich vielen Dinge und Menschen, die mit Aufmerksamkeit bedient werden wollen. Und mit den passenden Antworten. Gerne hätte Emilia einer anderen Frau alles erzählt, wie alles wirklich war, aber sie wusste, dass es keine Wahrheit gab. Keine wahre Wahrheit und keine verlogenen Lügen.
Emilia war so klug, dass sie sich leicht alle Lügen und alle Ereignisse und die Geschichten zu den Wahrheiten und die Variationen zu den Lügen und Wahrheiten merken konnte. Von Kindesbeinen hatte sie still zugehört, für sich selbst das Durcheinander des Erzählten sortiert und ergänzt und sich alles gemerkt. Aufbewahrt wie in einer fortlaufenden Chronik, in der eine mögliche Wahrheit nur durch die Variationen der Lügen herauszufinden war. Aber vielleicht gab es auch keine Wahrheit, sondern nur den Versuch der Erwachsenen, dem kleinen Mädchen eine Geschichte zu schenken, damit Emilia eine Chance hatte, durch ihr Leben zu kommen, ein eigenes Leben zu finden. Wusste denn jemand von den erwachsenen Menschen, was geschehen war und was sie erlebt hatten? Was für ein Leben sie geführt hatten? Vor dem Krieg, während alle Leben durcheinandergerieten, während der Kriege?
Nicht vorauszusehen war für die Erwachsenen, dass Emilia sich alles merkte und immerzu Fragen stellte, zuhörte, fragte, und alle Lücken mit eigenem Leben füllte. Sie verband alles, was gesagt wurde, beseitigte die Widersprüche, die Leben wurden erzählbar, die Widersprüche wurden glaubhaft verbunden. Emilia fand für alles eine Erklärung, erfand Geschichten. Und selbst die Lücken, für die sich keine Wahrheit und keine Lügen finden ließen, wurden bei Emilia zu Brücken in die nächste erfundene oder wahre Wirklichkeit.
Ja, die Weltenbrüche waren groß, die Leben durcheinander gerüttelt worden: Kriege, Fluchten, Schweigen, Hoffnungen, Ängste, Verlust von Besitz und Würde. Und trotz alledem gab es das kleine Mädchen Emilia, die keine Ahnung hatte, was die anderen verloren hatten und was sie erreichen wollten. Emilia lebte jetzt und sah und hörte und dachte sich aus, wie alles gewesen war und wie alles erzählt wurde. Zu jedem Körnchen Wahrheit gab es so viele Geschichten. Emilia war beruhigt, dass sich alles erklären ließ. Die eine Geschichte mit der anderen Lüge, die eine Erfindung mit einer kleinen Wahrheit aus einem anderen Leben.
Noch unveröffentlicht.
J. Monika Walther stammt aus einer jüdischen-protestantischen Familie. Schlug an vielen Orten Wurzeln. Studierte, promovierte, zog los in die Welt. Kehrte zurück und wurde sesshaft im Münsterland und in den Niederlanden. Wurde 1976 Schriftstellerin, ist es bis heute. Zahlreiche Veröffentlichungen, u. a. „Kommissar Simonsberg ermittelt am Rand der Welt“ (2024), „Fluchtlinien“ (2023) und „Nachtzüge. Gedichte und gefundene Zettel“ (2021).
Zuletzt erschienen: „Nur die Toten ruhen“ (Kriminalroman, 2025).
J. Monika Walther
Lesebuch Jay Monika Walther
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