Omama

Omama

Wann begann das mit dem Vergessen? Als der letzte Märzschnee gefallen war und die abgetretenen Stufen den Windfang hinauf wieder zugedeckt hatte? Niemand mehr nahm den alten Reisigbesen in die Hand, um vor der Tür zu kehren. Keine Fußspuren in den Garten hinaus, weil auch niemand mehr neue Meisenringe in den Kirschbaum hängte. Du hattest Mitleid mit den Wintervögeln; im Sommer waren die Stare vor den Steinen nicht sicher, die du nach ihnen warfst, weil sie im Dutzend die reifen Früchte stahlen. Sobald aber die ersten Holzscheite im Ofen brannten, sah ich dich warmes Schmalz und Sonnenblumenkerne in leere Klopapierrollen gießen. „Jetzt kummt wieda de Zeit!“1„Jetzt kommt wieder diese Zeit!“ Dein harter Zug um die Mundwinkel sagte alles. Auch wenn er unschuldig weiß war, konntest du Schnee nicht leiden und machtest dem Saum auf dem Gehsteig den Garaus. Dazu jedes Jahr kiloweise Salz. Niemand sollte das Gleichgewicht verlieren, keinem sollte das Eis den Boden unter den Füßen wegziehen, kein schmerzender Körper sollte im Matsch liegen müssen.

Es war immer blitzblank bei dir, egal zu welcher Jahreszeit. Sogar die schäbig gewordenen Fugen zwischen den Steinfliesen hattest du mit Betonmilch ausgegossen, weil du es leid warst, das Moos mit einem alten Buttermesser herauszuschaben, damit niemand etwas sagen konnte; nicht der Briefträger, der dir jeden Monat die Witwenrente brachte, und nicht die alten Weiber, die dir Gesellschaft leisteten. „De oidn Weiwa“2„Die alten Weiber“ – deine Worte, obwohl sie jünger waren als du. Sie kamen vorbei, um über ihre Enkel zu reden, von denen alle etwas geworden waren. Ausnahmslos Überflieger und die Mädchen makellos schön. Du widersprachst den Lobhudeleien3Beweihräucherungen, sagtest, dass es so viel Glück nicht geben könne. „Dazöh ma nix!“4„Erzähl mir nichts!“, waren deine Worte, „irgendwo wird´s scho wos haum!“5„irgendwo wird es schon ein Problem geben!“

Du trautest keinem Frieden, weil du den Krieg kanntest. Du fühltest bis zum Schluss die Angst, die sich mit jedem Atemzug Zutritt zu deinem Körper verschafft hatte und ihn beinahe erstickte hätte, die harten Hände an deiner Kehle und den schweren Körper des keuchenden Besatzungssoldaten, der dich in die letzte Schneezunge hinter dem Stadel gedrückt hatte. Deine Eltern waren nicht vorsichtig genug gewesen, hatten sich darauf verlassen, dass es sie nicht treffen werde, der verlorenen Unschuld ihres kleinen Mädchens nachweinen zu müssen – standen sie doch unter dem Schirm des russischen Generals, der versprochen hatte, auf ihre Tochter aufzupassen, sie vor seinen Leuten zu schützen. Die Mutter hatte sich dafür eingesetzt. Sie war eine schöne Frau. Was half es, dass der General den Soldaten erschoss, als ihm die Mutter ihren Körper nicht mehr gab, weil er die Abmachung gebrochen hatte.

Erst als das Alter die Erinnerungsräume deiner Verletzungen aufgesperrt hatte, erfuhr ich von der unsäglichen Gewalt, die den Mädchen und Frauen angetan worden war. An ihnen hatte sich Rache und Macht und die widerwärtige Lust ausgehungerter Männer entladen – und niemand hatte je eine Silbe darüber verloren. Deine Mutter wusch dich und sagte: „Is scho guad. Hea auf zan rean. I rea a ned.“6„Ist schon gut. Hör auf zu heulen. Ich heul´ auch nicht.“

Endlich verstand ich die granitene Härte, die so oft in deinen Worten gelegen hatte, die es schwer gemacht hatte, dich vorbehaltlos zu lieben. Immer war alles aus deinem Mund zu einer Anweisung geworden. Sogar wenn du mir beim Hausübungschreiben gegenübersaßt und keinen Fehler finden konntest, legte sich dein „Schreib schee weida!“7„Schreib schön weiter!“ wie eine kratzige Wolldecke über meine Schultern.
Es sind diese Sätze, die sich in meinen Ohren eingenistet haben, es ist der Klang deiner schraffierten Stimme, die in mir widerhallt. Alles andere macht sich langsam aus dem Staub. Die Züge deines Gesichtes sind schon vergessen. Von deiner Stirn ist nur noch die tiefe Furche vom Haaransatz bis zur Nasenwurzel übriggeblieben. Deine Konturen haben ihre Exaktheit verloren, als hätte jemand daran herumradiert. Was bleibt zum Schluss? Graphitgraue Schlieren auf weißem Grund.

Weiß war dir am liebsten – wenn es nicht Schnee war. Weiße Blusen, weiße Wände, ein weißes Gesicht gegen die Falten: eine dicke Schicht Nivea auf deinen Wangen, im Fernsehen Seniorenclub. Ich hatte still zu sein wie die Madonna im Herrgottswinkel. Mama und Papa hatten die edel gebeizte Marienstatue aus ihrem Urlaub mitgebracht und sie dir voll Stolz überreicht, weil sie so etwas Besonderes gewesen war. Die dunkel geölte Maserung des Olivenholzes hatte Marias Kleid umspielt, als wäre gerade ein Windstoß in den Stoff gefahren und hätte ihn zum Leben erweckt. Tage später stand die Figur rau und blank geschrubbt – die Patina mit der Seifenlauge durch den Abfluss des Waschbeckens verschwunden – in der Ecke neben dem Papstportrait. „Schenkn ma a ogmuarlde Muttergottes!“8„Schenken mir eine verschmiert-schmutzig abgegriffene Muttergottes!“, hatte dich Mama schimpfen hören. So etwas Dreckiges hatte in deinen vier weißen Wänden nichts verloren! Jetzt war alles wieder so sauber wie du.

Nie sah ich dich in fleckiger Kleidung oder mit schmutzigen Händen oder gar einem Tomatensoßenmund, den du auch an mir nicht ausstehen konntest. So schnell vermochte ich nicht zu schauen, hattest du auf dein Stofftaschentuch gespuckt und mir damit das Rot aus dem Gesicht gewischt. Es war grauenhaft, ich ekelte mich vor deinem Speichel und konnte doch nichts dagegen tun – außer die gefüllten Paprika in Paradeissoße9Tomatensoße zu verweigern, obwohl du die beste Köchin der Welt warst.
Der Kochlöffel schien mit dir verwachsen, er war dein verlängerter Arm, mit dem du mir drohtest. Den Hosenboden würdest du mir versohlen, wenn ich nicht spurte. Irgendjemand müsse schließlich darauf achten, dass aus mir etwas werde, ich hätte nur Flausen im Kopf. „Bei mia wiad gspurd!“10„Bei mir hast du folgsam zu sein!“, keiftest du und bläutest mir ein, was ich mir gefälligst zu merken hatte. Ich merkte mir, wie sich fünf Finger im Gesicht anfühlen.

Als ich es konnte, ließ ich mich nicht mehr blicken. Ich wollte dich mit meiner Abwesenheit strafen und fühlte trotzdem manchmal so etwas wie Schuld – bis ich schließlich nichts mehr fühlte.
Als du für mich nicht mehr wichtig warst, begann mein Verzeihen. Vergangenheit verklärt.
Als deine Kräfte schwanden, kam ich zurück. Die Verantwortung hatte sich an unsichtbaren Fäden um meinem Hals gehängt.
Sonst gab es niemanden mehr, der deinen maroden Greisinnenkörper aus dem Bett in einen neuen Tag hievte, die feinen Silberhaare wusch und sie auf bunte Plastikrollen wickelte. Damit du deine Hände sauber halten konntest, legte ich Babypflegetücher bereit. Ich wusste, mit wieviel Akribie du deinen Körper immer gereinigt hattest. Alles hattest du von deiner Haut geschrubbt, hattest den Dreck noch gesehen, obwohl nichts mehr da war außer dem Ekel, der sich vor fast achtzig Jahren auf dich gelegt hatte, als du in den Schnee gedrückt worden warst.

Es war kalt geworden. Ich schnitt Butterbrote in Streifen, drehte für dich den Fernseher auf. Deine Finger hielten nichts mehr.
Ich sah dich weinen, als es schneite. „Is scho guad. Rea ned“11„Ist schon gut. Heul nicht“, flüsterte ich, „der bleibt ned liegn. I hob gsoizn.“12„der bleibt nicht liegen. Ich habe Salz gestreut.“

Aus:
Daniela Dangl: Lichte Schatten, Literaturedition Niederösterreich, Frühling 2025

Daniela Dangl, 1974 im Waldviertel (Niederösterreich) geboren und aufgewachsen, in Wien das Germanistik- und Geschichtestudium absolviert, unterrichtet am berufsbildenden Schulzentrum Horn, lebt mit ihrer Familie im nördlichen Niederösterreich und schreibt Kurzgeschichten und Dialektlyrik.
D. Dangl fokussiert in ihren Texten Beziehungen, stellt Fragen an die Vorfahren und thematisiert das Schweigen der Heimat. Die tiefe Verwurzelung mit dem nördlichen Waldviertel durchdringt ihre Sprache und leitet den Blick dorthin, wo das Leben mitunter wehtut oder schreiend komisch ist.
Veröffentlichungen in diversen Literaturzeitschriften und Anthologien.

Eigenständige Veröffentlichung:
„Lichte Schatten“, Erzählungen, Literaturedition Niederösterreich, März 2025

Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Daniela Dangl, die Bildrechte bei Bernhard Dangl.

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