Ohnmacht

Ohnmacht

Was sich im Nachhinein sagen ließ: dass sie keine Schuld trug am Tod der Tochter. Es nützte ihr nichts, linderte ihre Trauer nicht. Sie legte eine Rose aufs Grab, strich mit den Fingern über den Grabstein, fühlte die Kälte. Wie hatte sie die Anzeichen des Unheils so elend missdeuten können? fragte sie sich. War es tatsächlich wahr: dass man nur sehen konnte, was man sehen wollte? Natürlich hatte sie bemerkt, mit wachsender Sorge beobachtet, wie sich Nadja zurückzog, mit jedem Tag, den das Jahr voranschritt, ein Stück mehr. Anfangs, gegen Ende des Sommers, waren es Kleinigkeiten gewesen. Nadja wurde mürrischer, dünnhäutiger; traf ihre Freundinnen seltener. Die Mutter sah es gelassen. Vierzehn, dachte sie, war ein schwieriges Alter. Man musste Geduld haben. Dass sich Nadja aber, es war Mitte November, gänzlich verschloss, nicht mehr zur Schule ging, kaum mehr das Zimmer verließ, wenig bis gar nichts aß, machte ihr Angst. Dann der Tag, da sie die Tochter fand, im Badezimmer, leblos. Was sich im Nachhinein sagen ließ: dass sie keine Schuld trug am Tod der Tochter. In den Augen der anderen freilich: dieser stumme Vorwurf, nichts getan, nicht geholfen zu haben. Die Hand noch am Grabstein, sank sie auf die Knie, weinte. Eine Krähe verstummte mitten im Schrei.

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