Rote Rosen
- Februar 20, 2026
- by
- Manfred Lipp
Alle hier sind alt, sagt er. Mit einer dürren Geste seines Arms, des guten, den er noch bewegen kann nach dem Schlaganfall, der noch etwas taugt fürs Leben, deutet er in den Raum, schickt seinen graustarigen Blick hinterher. Die Enkelin nimmt seine Hand, lächelt, sagt: Du bist doch selber achtundachtzig, Großvater. Na und? murrt er. Muss ich deshalb unter alten Leuten sein? Die Enkelin seufzt, schweigt eine Weile. Du weißt doch, dass es nicht anders geht, flüstert sie. In ihrer Stimme treiben Sorge, Scham, Schuldgefühle. Sie senkt den Blick, schaut auf die Beine des Großvaters, die ihn nicht mehr tragen können, dünn geworden sind vom Ausharren in diesem Leben. In ihre Augenwinkel schieben sich die Tränen, die sie sich immer verboten hat. Drei Tische weiter läutet ein Telefon, singt die Knef Für mich soll’s rote Rosen regnen, bis die altersstarren Finger der Brigitte Schwendtner, Vermessungstechnikerin in Ruhe, den Anruf entgegennehmen können. Ich wollte, sagt die Enkelin, weiter kommt sie nicht. Sie krümmt sich, verbirgt ihr Gesicht hinter zittrigen Händen, weint. Die Hand des Großvaters auf ihrem Scheitel spürt sie erst, als er flüstert: „Mit sechzehn, mit sechzehn sagte ich still: Ich will. Ich will alles oder nichts.“



