Feierabend
- April 28, 2026
- by
- Ulrike Hutter
Er konnte nicht anders, er musste den kleinen rötlich glänzenden Stein, der neben einer Parkbank lag, aufnehmen und in seine Sakkotasche stecken. Es sollte kein Stein auf dem andern bleiben, es sollte der letzte Stein, der vielleicht auf einem andern liegen könnte, dingfest gemacht werden. Dazu musste er täglich die aufgelesenen Steine zuhause in einem Sicherheitsabstand zueinander auslegen, damit sie nicht Gefahr liefen, doch in einem unbemerkten Moment irgendwann, irgendwie aufeinanderzuliegen. So waren in seiner Wohnung auf dem Boden bereits unzählige steinerne Bahnen nebeneinander ausgelegt. Nur mit höchster Konzentration konnte er dort entlang schmaler Schneisen überhaupt noch unerlässlich wichtige Punkte erreichen – die Toilette, das Bett, den Kleiderkasten, den Kühlschrank. Den Tisch hatte er bereits vor langer Zeit aufgegeben, er aß im Stehen, denn auch auf der hölzernen Tischplatte gab es keine leeren Stellen mehr. Seine Bücher hatte er längst ausgeräumt, weggegeben, verschenkt, selbst die einst so geliebten Gesamtausgaben in den Bücherregalen durch säuberlich ausgelegte Steinbahnen ersetzt. Dasselbe galt für die Kommoden und Schubladen – nur im Kleiderschrank hatte er zum Wechseln Leibwäsche und in alter Tradition für jede Jahreszeit einen Anzug hängen. Unter den Anzügen aber waren auch schon Steine ausgelegt und jede Ecke war belegt. Immer, wenn er nach Hause kam, galt es zuerst, die Steine zu kontrollieren, oder vielmehr, die Abstände zwischen den Steinen zu kontrollieren. Nun, da kein Stein mehr auf dem andern lag, sollte kein Stein mehr auf dem andern liegen. Jeder einzelne, der noch dazukommen könnte, so wie der kleine rötlich glänzende Stein in seiner Sakkotasche, war ein Problem. Es gab im Grunde keinen Platz mehr in seiner Wohnung, der nicht bereits besetzt gewesen wäre. Sogar unter dem Bett waren Steine, auch im Kühlschrank und im Ofen. So waren auch alle Stühle belegt sowie das Sofa und die Fauteuils. Nur im Bett und unter der Matratze hatte er noch keine ausgelegt, da die Gefahr zu groß war, dass sie, wenn er sich hinlegte oder sich umdrehte, übereinander fielen und schließlich doch einer auf dem andern zu liegen käme. Als er damit begann, auf den Lampenschirmen Steine auszulegen, hatte er die Idee, sie von der Decke hängend an langen Schnüren aufzuknüpfen. Auf diese Weise konnte er ihre sichere Lagerkapazität um ein Vielfaches erhöhen. Euphorisch legte er Pläne an, auf denen präzise skizziert war, wie dies zu geschehen hatte, ohne dass sie aneinanderstoßen würden. Immer mehr und mehr Steine lagerte er so, was aber erschwerte, sich in der Wohnung zu bewegen. Viele hingen bereits in Bodennähe, andere reichten ihm bis zum Hals. Er musste, wenn er einen Schritt machen wollte, nicht nur auf die ausgesparten Tritte auf dem Boden achten, sondern auch noch den Kopf einziehen oder die Schulter zur Seite drehen, um nicht an den hängenden Steinen anzustoßen und dadurch bedrohliche Bewegung in die Steinreihen zu bringen. Die Gefahr war zudem groß, dass die Steine an den Schnüren durch einen Luftzug gegeneinanderstoßen könnten, und so wagte er es bald nicht mehr, ein Fenster aufzumachen, auch die Wohnungstür öffnete er nur mehr mit größter Sorgfalt und Vorsicht. Zu leicht könnte durch einen Luftzug ein an der Decke hängender Stein wie ein Pendel ausschlagen und eine ganze Reihe, wenn nicht alle, in Bewegung und somit in Berührung bringen. Die Schnüre könnten sich so lösen und die daran befestigten Steine würden auf die darunter am Boden liegenden fallen und im schlimmsten vorstellbaren Fall aufeinander zu liegen kommen. Vor der allabendlichen Kontrolle nahm er sich nun ein Bier aus dem Kühlschrank, das an seinem genau ausgesparten Platz zwischen den ebenfalls gekühlten Steinen lag und lehnte sich umständlich gegen die Konsole. Alles hatte er dabei im Blick, die Füße geschickt in einer kleinen Aussparung platziert. Es war die einzig mögliche Position, die ihm geblieben war, am Feierabend zuhause wenigstens ein Bier zu trinken, während er sich mit seinen Steinen beschäftigte. Der eben mitgenommene aus dem Park stellte ihn vor ein großes Problem. In der gesamten Wohnung gab es kein Fleckchen mehr, das er ihm zuteilen könnte. Er erwog, bereits ausgelegte Steine um den Bruchteil eines Millimeters weiter zusammenzurücken, wie er es schon so oft gemacht hatte, um Platz für einen neuen zu schaffen. Ob wirklich noch Raum zwischen den Steinen war, hatte er regelmäßig mit einem Löschblatt überprüft, das dicker war als normales Schreibpapier. Diese Methode gab ihm eine gewisse Sicherheit, dass der Abstand zwischen den Steinen tatsächlich groß genug sein würde, also nichts passieren könnte. So wagte er es nicht, das Löschblatt durch normales Papier zu ersetzen und ging stattdessen alle möglichen Punkte noch einmal ab, wo er den Stein ablegen könnte. Jede Ritze, jede Wölbung des Fußbodens nahm er in Augenschein und prüfte alle Möglichkeiten, irgendwo in der Wohnung einen sicheren Platz für ihn zu finden. Da war aber nichts mehr zu machen. Schließlich blickte er auf die Steine, die auf dem Küchentisch lagen und fragte sich, in welchen zeitlichen Abständen er sie wohl zu sich nehmen müsste, ohne dass sie in seinen Gedärmen übereinander oder untereinander zu liegen kämen? Er nahm noch einen Schluck Bier und drehte den rötlich glänzenden Stein zwischen den Fingern hin und her.
Noch unveröffentlicht.
Ulrike Hutter, lebt in Bregenz und Wien
-1958 geboren in Lustenau, Österreich
-1979-1986 Studium Germanistik/Anglistik in Wien
-1979 Gedichte im Gedichtband „Lyrik in Vorarlberg“ erschienen
-ab 1986 Unterrichtstätigkeit in Österreich bzw. Lektorat an der Universität Complutense in Madrid
-im Dezember 2000 Uraufführung des Theaterstücks „DIE ZOLLWACHE. EIN STEINHAUS.“ im Landestheater, Bregenz
-im Oktober 2001 ist der Roman „WIENFLUSS“ im Wiener Verlag „edition selene“ erschienen
-Lesungen in Wien, Madrid, Sofia, Vilnius, Graz, Bregenz, Bludenz, Nenzing, Regensburg
Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Ulrike Hutter, die Bildrechte bei Doris Lipp.



