Wenn man achtgab

Wenn man achtgab

„Susi ist tot“, stand in der Lesefibel. „Seltsam, dass sie gerade mit einem solchen Satz lesen lernen“, hörte ich die Mutter zum Vater sagen.

Dann war Susi wirklich tot: Unsere Praktikantin wurde vom blauen Bähnlein überfahren. Wir flochten ihr in der Schule einen Kranz.

Tot war auch mein Alpensalamander; ich hatte vergessen, das Glas mit dem Fliegengitter zu decken. Die Mutter fand ihn dürr und staubig hinter dem Schrank.

Sterben war damals für mich ein Unfall: Wenn man achtgab, konnte einem nichts geschehen.

Aus:
Kurt Hutterli: „;aber“, Prosagedichte, Zytglogge Verlag Bern, 1972

Kurt Hutterli, Schriftsteller und Künstler, 1944 in Bern geboren. 1996 mit seiner Frau Marianne nach Kanada ausgewandert. Seine Schweizer Heimat nie aus dem Herzen verloren. Zuletzt erschienen: Mein Kindheitskoffer, Edition Königstuhl, St. Gallenkappel 2023 und „Pflaumengestirn und Hasenpfeffer“, Gedichte, Münster Verlag, Basel 2020
Kurt Hutterli
Edition Königstuhl

Die Text- und Bildrechte dieses Beitrags liegen bei Kurt Hutterli.

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