Dies irae
- September 18, 2026
- by
- Manfred Lipp
Du verstehst nicht, was das für Menschen sind, sagt Katrin. Ihre Schwester, schon im Kleid, das sie durch die Freitagnacht tragen wird, wirft einen prüfenden Blick in den Spiegel, sagt: Meinst du? Katrin hebt den Kopf, Sandras Antwort, die ja im Grunde keine Antwort war, hat sie irritiert, hat sie aufhorchen lassen. Das sind doch Verbrecher, murmelt sie und erschrickt über die Kälte ihrer eigenen Worte. Sandra streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht, dreht sich um, schaut zur Schwester, sagt: Es sind die Leute von morgen, Katrin. Menschen, die bald Macht haben werden. Das macht sie weder zu fähigen Politikern noch zu empathischen Menschen, erwidert die Schwester und sie weiß, weiß es augenblicklich, dass es trotzig klingt und naiv. Sandra lacht; lacht laut, lacht hart. Wach auf, große Schwester, flüstert sie. In deinem Traum zu bleiben ist gefährlich. Katrin schließt die Augen, schweigt. Ihre Schwester berührt sie an der Schulter, der sanfte Druck ihrer Hand wirkt beruhigend und tröstlich. An der Tür dann, im Gehen schon, zögert Sandra, schaut zu Katrin. Sei vorsichtig, sagt sie. Du verstehst nicht, was das für Menschen sind.



