Alles in Ordnung
- September 22, 2026
- by
- Sabine Göttel
Ein Buch oder eine CD, sage ich schon seit Jahren, wenn mich Freunde fragen, was sie mir zum Geburtstag schenken sollen. In ihren Augen bin ich heillos, eine Büchernärrin. Dabei bekomme ich gerne auch etwas anderes geschenkt als ein Buch oder eine CD, aber ich habe Sorge, dass sie mir einen Ethno-Kerzenleuchter schenken oder eine Teekanne in Elefantenform oder ein Mouse-Pad mit dem Konterfei von Che Guevara. Also sage ich sicherheitshalber: ein Buch oder eine CD. Doch weil meine Freunde Individualisten sind oder es sein wollen, schenken sie mir, wenn ich meinen Geburtstag überhaupt feiere und nicht lieber im Nord-Ost-Bad schwimmen gehe und mir anschließend eine Erdbeermilch genehmige mit Aussicht auf das Fünf-Meter-Brett, tatsächlich kein Buch und keine CD, das wäre ja zu einfallslos, sondern eine Blumenvase mit Charles-Darwin-Muster und, für meine Kommode (Erbstück), eine Keramik-Skulptur, die die Folgen der Globalisierung in der Sprödigkeit des Materials haptisch erfahrbar macht.
In diesem Jahr aber hat mir Daniel ein Buch geschenkt; er war zum ersten Mal zu meinem Geburtstag eingeladen und setzte sich über alle Gepflogenheiten hinweg. Ich traf Daniel im Englisch-Kurs an der Volkshochschule, wir rauchten in den Pausen immer gemeinsam vor der Tür. Dabei haben wir uns ein bisschen angefreundet. Daniel also hat mir ein Buch mitgebracht; es ist ein dicker Krimi. Eigentlich mag ich Krimis lieber im Fernsehen. Aber weil es seit Jahren das erste Buch war, das ich zum Geburtstag geschenkt bekam oder das ich mir nicht selber gekauft habe, nahm ich es zum Anlass, meine Gewohnheiten zu ändern. Ich legte es gleich ganz oben auf den Bücherstapel auf meinem Nachtschränkchen, in der festen Absicht, es vor dem Schlafengehen auch einmal mit einem Krimi in Buchform zu probieren.
Aber leider bin ich ein Gewohnheitstier. Zum Beispiel lese ich ein Buch immer von Anfang bis Ende durch. Erst dann stelle ich es ins Regal und wende mich dem jetzt zuoberst auf dem Bücherstapel liegenden Buch zu, das ich ebenfalls von vorne bis hinten durchlese, bevor ich das nächste nun nach oben gelangte zur Hand nehme undsoweiter. Das ist ja schon zwanghaft, sagt meine Schwester, da solltest du vielleicht mal was tun. Meine Schwester ist Psychologin und lebt mit Mann und Kindern in einer Art permanenter Ferienhaussiedlung mit schöner Aussicht auf einen lieblichen Fluss. Meine Schwester liest, im Gegensatz zu mir, ihre Bücher nur an, weil sie wegen Haus, Mann und Kindern nie zu was kommt. Auch sie wünscht sich zum Geburtstag immer Bücher und CDs und bekommt auch tatsächlich welche geschenkt. Sie hat eine enorme Bibliothek. Jedes Jahr baut sie neue Regale an oder ergänzt die vorhandenen jeweils mit einer Art dreiseitigem hölzernen Hut, damit all ihre angelesenen Bücher Platz haben. Meine Bibliothek ist, finde ich, auch nicht schlecht, wenn auch viel kleiner. Ich habe wenig Platz in meiner Wohnung, und bisher, klopf auf Holz, haben meine durchgelesenen Bücher immer a. alphabetisch oder b. nach Sachgebieten geordnet, dicht gestellt nebeneinander gepasst. Ich hasse es nämlich, wenn Bücher, womöglich mit der Schnittseite nach vorne, auf die stehenden Bücher draufgelegt werden, auch, um zum Beispiel am Geburtstag, für alle Bücherregalbetrachter demonstrativ das innere Chaos der Bibliotheksbesitzerin zu verdeutlichen, das, wie meine Freunde meinen, Voraussetzung ist für jedweden kreativen Prozess.
Daniels Krimi habe ich, entgegen meiner Absichten, dann doch nicht vorgezogen. Stattdessen habe ich weiter in Thomas Manns Zauberberg gelesen, der ganz oben auf dem Stapel lag und den ich in regelmäßigen Abständen, also alle drei Jahre, wenn ich Angina habe so wie neulich, erneut durchlese. Der Zauberberg ist ein dickes Buch, und unter ihm liegen weitere, ebenfalls dicke Bücher. Weil mein Nachtschränkchen eigentlich gar kein Schrank ist, sondern ein altmodischer Hocker für eine große Topfpflanze mit vier gesprungenen Kacheln auf der Oberseite, kann mein Bücherstapel, da auch noch ein Radiowecker, meine Knirschschiene und ein Päckchen Taschentücher darauf unterzubringen sind, nicht unbegrenzt wachsen, ohne instabil zu werden. Ich hatte demnach vor, Daniels Krimi erst einmal ins Regal zu stellen, denn er wäre – aufgrund der einzuhaltenden Reihenfolge der zu lesenden Bücher („da solltest du vielleicht mal was tun“) und der Tatsache, dass der Zauberberg auch bei wiederholtem Lesen kein einfaches Werk ist – will man zum Beispiel die Beziehung zwischen Naphta und Settembrini in all ihrer kulturgeschichtlichen Tragweite erfassen, sollte man zumindest noch Metzlers Philosophenlexikon neben den Radiowecker klemmen – eh erst in ein paar Monaten drangekommen.
Daniels Krimi gehört in meine Abteilung Belletristik, also zur sogenannten Schönen Literatur. Diese Abteilung ist bei mir alphabetisch geordnet, und zwar nach dem Anfangsbuchstaben des Nachnamens des Verfassers. In meiner Bibliothek umfasst sie vier Regale mit je sechs Brettern, während die Abteilung Sachbuch weitere drei Regale mit ebenfalls sechs Brettern einnimmt, aber im Gegensatz zur Belletristik nicht alphabetisch nach Verfassern, sondern, wie der Name schon sagt, nach Sachgebieten geordnet ist. Beim Einrichten der Wohnung nach meinem letzten Umzug fand ich es nicht nur aufgrund der zur Verfügung stehenden Wände einleuchtend, Belletristik von Sachliteratur zu trennen; also war es für mich klar, dass die vier Regale für die Schöne Literatur im Wohnzimmer mit dem Kaminofen und die drei Regale für die Sachbücher im kalten Flur verschraubt wurden.
Warum ich es nicht früher bemerkt habe, kann ich nicht mehr mit Sicherheit sagen; vielleicht lag es daran, dass ich, da ich eine Seminararbeit zum Thema Statik und Statistik in den frühen Bauwerken Oscar Niemeyers zu schreiben hatte und mich durch einen Berg Sach- , oder wie man wissenschaftlich sagt, Sekundärliteratur fressen musste, sowohl meinen Bücherstapel unter dem Zauberberg als auch mein Belletristik-Regal längere Zeit aus den Augen verlor. Mein Weg zu den Büchern jedenfalls hatte mich in dieser Zeit öfter in den dunklen Flur als ins gemütliche Wohnzimmer geführt, und abends war ich meist schon nach wenigen Seiten über der nunmehr siebten Lektüre des Zauberbergs eingeschlafen. Nachdem der Krimi noch ein paar Tage UNTER meinem Nachthocker gelegen hatte, Nummer eins, weil ich Daniel gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte und Nummer zwei, um die Statik des Stapels nicht zu gefährden, konnte ich den status quo nicht länger ertragen und ging mit dem Buch ins Wohnzimmer.
Der alphabetischen Ordnung der Belletristik-Regale folgend, muss ich den Krimi zu den Büchern mit H stellen. Die Hs tummeln sich von HAA bis HUT auf dreieinhalb Regalbrettern, bevor es mit IBS weitergeht. Kein Ding also, Daniels HAM zwischen HAH und HAN anzusiedeln. Wäre da nicht die fette HES-Box am Ende des Regalbretts. Acht Bände HES im Schmuckschuber mit Jugendstil-Muster, die ich zu meinem 17. Geburtstag geschenkt bekam. Will ich Daniels dicken Krimi in der Nachbarschaft beheimaten, müsste ich sie – durch den notwendig gewordenen Raum zwischen HAH und HAN von ihrem angestammten Platz verdrängt – auf das nächste Regalbrett verbannen, wo sie den Anschluss zu HEY bildeten. Schön und gut, kann man ja machen. Aber was wird dann aus fünf Bänden HOU, die in der Folge auf ihrem Brett keinen Platz mehr finden? Gut, keine Schmuckbox diesmal, ich kann sie trennen! HOU wird es mir verzeihen; er gibt sich gerne kalt und gefühllos, ist aber in Wirklichkeit furchtbar sentimental. Ein Pathos-Erotomane, den ich gerne gegen seine Kritiker verteidige, und den ich, wenn’s sein muss, sogar auf französisch lese! Um für Krimi und HES-Box Platz zu schaffen, müsste ich die HOU-Romane von der HOU-Lyrik und dem einzigen HOU-Essay-Band isolieren; zwei HOUs kämen also von den übrigen getrennt aufs nächste Brett. Das scheint mir erlaubt, wenn ich, das könnte grade so hinhauen, die IBS Gesamtausgabe beieinander ließe, was jeder andere auch tun würde. Doch halt: Den Romanzyklus JOH trennen geht nicht, Einmischung in innere Angelegenheiten eines genauestens durchkalkulierten Körpers, demnach tabu! Sieh da, zwischen KÄS und KAF klafft eine schmale Lücke, die eine Bücherstütze ausfüllt; könnte sein, dass, wenn ich KÄS für Kinder- von KÄS für Erwachsene trenne… nein, quatsch, dann muss der überzählige KLU auf dem nächsten Brett hausen, was gar nicht geht, wieder ein Pappschuber, sogar mit Widmung! Ich könnte stattdessen aber LAU ins nächste Regal verschieben mit dem Nebeneffekt, dass alle Bände LES beieinander wären, ganz zu schweigen davon, dass MAN der Ältere endlich von der Restfamilie getrennt wäre, was ihm Recht geschähe! Warum ist es so dunkel geworden? Wahrscheinlich kündigt sich ein Gewitter an. Das Telefon dudelt. Ich kann jetzt unmöglich dran gehen, wer soll das auch sein in dieser Dunkelheit, wozu gibt es schließlich Anrufbeantworter? MAU käme jetzt direkt neben MAY zu stehen, das könnte man durchgehen lassen; aber MOS neben MÜL? Doch ja; denn MÜL neben MÜL ist eine heikle Angelegenheit, sie werfen MÜL1 Schuld am Selbstmord von MÜL2 vor; an dieser Stelle bräuchte man nicht pingelig zu sein, hier würde eine nachträgliche Trennung sogar Sinn machen. Klingelt es? Weiter hinten im Regal könnte man 12 mal RIL zwischen REIN und ROT noch etwas zusammenschieben, was aber, über den Daumen gepeilt, nur einen Bruchteil der benötigten Fläche ergäbe und im Endeffekt sowieso nicht viel brächte, weil SHA im letzten Regal allein zwei Bretter besetzt, woran nichts zu ändern ist. Es klingelt tatsächlich an der Tür. Bei SIT bzw. SON wird es eng, da geht nichts mehr, da ich so unvorsichtig war, mir vor der Niemeyer-Studie noch den neuesten THE zu besorgen, den ich neben seine Geschwister zwischen TER und THO quetschen musste, keine angenehme Vorstellung. Alle TUCs müssen unbedingt zusammenbleiben, auch wenn das heißt, dass ULI und VES getrennt sind, was eigentlich nicht geht, da sie sich Zeit ihres Lebens gegenseitig beeinflussten und voneinander abhängig sind. Umso besser, wenn VES und WAL dann eine Einheit bildeten, denn WAL und WAT kommen nicht miteinander aus. Nicht nur, dass WAL eine absolute Einzelerscheinung darstellt; WAT müsste im Grunde ein Regalbrett für sich haben, weil WILL und WOH eine Schicksalsgemeinschaft sind, die WOL niemals zu trennen vermag. ZOD müsste sich schließlich damit abfinden, dass ZAD einen Ehrenplatz hat, besonders jetzt, nach seinem plötzlichen Tod! Und niemals, niemals würde ich es übers Herz bringen, ZWE wegen HAM aus dem Regal zu werfen und ihr zuzumuten, ganz alleine und ohne Beistand von ZÜR und ZYL bei den Sachbüchern im Flur zu vegetieren!
Wieder die Türklingel. Einmal, zweimal. Alle Knochen tun mir weh. Ich habe Daniels Krimi in der Hand. Wie lange habe ich auf dem Boden gelegen? Ja! schreie ich unverhältnismäßig laut in die Gegensprechanlage. Jemand sagt verrauscht: Guten Morgen, hier ist der Daniel. Mein Atem bläst in den Hörer. Wollte mal sehen, wie es Dir geht. Ich kann jetzt nicht! Und: keine Zeit! will ich rufen, aber ich sage nichts. Alles in Ordnung bei Dir? Ich wollte nur … Hau ab! schreie ich Daniel durch die Anlage entgegen, und: Verschwinde endlich! Jetzt sagt er nichts mehr. Ich höre, wie draußen die Tonnen geleert werden. Dann fährt das Müllauto ab.
Daniel ist nicht wiedergekommen; der einzige, der mir seit langer Zeit zum Geburtstag ein Buch geschenkt hat. Zum Englisch-Kurs an der Volkshochschule gehe ich nicht mehr. Ich bin umgezogen und sitze auf der Terrasse meiner Schwester in einem herrlichen Halbschatten; sie hat mir gerade einen Tee gekocht. Die Kinder sind noch in der Schule. Es ist hier wirklich wie in den Ferien.
„Alles in Ordnung“ wurde 2010 im Katalog angezettelt! 25 Jahre Saarländisches Künstlerhaus 1985-2010, hg. vom Saarländischen Künstlerhaus Saarbrücken veröffentlicht.
Sabine Göttel stammt aus der Saarpfalz. Sie studierte deutsche und französische Literatur, promovierte über Marieluise Fleißer, arbeitete als Theaterdramaturgin und lebt als Autorin, Dramaturgin und Dozentin in Hannover. Für ihre Gedichte erhielt sie 2023 den Feldkircher Lyrikpreis und 2022 den Kurt-Sigel-Lyrikpreis des PEN-Zentrums Deutschland. 2019 war sie Stipendiatin des Printemps Poétique Transfrontalier.
Zuletzt erschienen die Lyrikbände „Grillenliebchen“. Gedichte, Wehrhahn Verlag, Hannover 2023; „Im Gefieder“, Gedichte (2022) und „Geister“, Gedichte (2020) – beide im Röhrig Verlag, St. Ingbert.
Im Oktober 2026 erscheint im Wehrhahn Verlag ihr neuer Gedichtband „repair café“.
Sabine Göttel
Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Sabine Göttel, die Bildrechte bei Doris Lipp.



