Prinzipiell
- April 03, 2026
- by
- Manfred Lipp
Was Ruth P. im Dämmerlicht eines elenden Tages tat, geschah nicht aus böser Absicht. Auch hatte sie keineswegs im Sinn gehabt, den Pfad zu nehmen, der den Park in seiner Mitte querte, doch die Wegstrecke, die sich dadurch kürzen ließ, war erheblich. Sie war in Eile gewesen und so schwanden rasch die Bedenken, die sie gehegt haben mochte; es war dies, wie sich herausstellen sollte, eine Entscheidung mit Folgen, deren Gewicht sie lange nicht ermessen konnte. Ein wenig Angst stieg in ihr hoch, als sie durch den Park ging, und um sie klein zu...
Brüchiges Eis
- März 20, 2026
- by
- Manfred Lipp
Ich hätte schweigen sollen. Ist es das, was du von mir erwartet hattest? Dass ich nicke, dich still bedaure. Dich wie ein Opfer behandle, das Mitleid verdient? Du kanntest mich doch; wusstest, dass ich das klare Wort nicht scheue. Ich zögerte, als du mich fragtest; betonte: es ist meine Meinung. Die Wahrheit, du weißt es,...
Ohnmacht
- März 13, 2026
- by
- Manfred Lipp
Was sich im Nachhinein sagen ließ: dass sie keine Schuld trug am Tod der Tochter. Es nützte ihr nichts, linderte ihre Trauer nicht. Sie legte eine Rose aufs Grab, strich mit den Fingern über den Grabstein, fühlte die Kälte. Wie hatte sie die Anzeichen des Unheils so elend missdeuten können? fragte sie sich. War es...
Grundsatzfragen
- Februar 27, 2026
- by
- Manfred Lipp
Wie viel Weite braucht die Seele? Welche Enge erträgt sie? Was verzeiht sie dem Eigner nicht? Was ist das rechte Maß an Muße, das wir ihr schuldig sind? Und wo, frage ich mich, liegen die Gewichte, die die Leichtigkeit messen, die ich vor Jahren verlor?
...Rote Rosen
- Februar 20, 2026
- by
- Manfred Lipp
Alle hier sind alt, sagt er. Mit einer dürren Geste seines Arms, des guten, den er noch bewegen kann nach dem Schlaganfall, der noch etwas taugt fürs Leben, deutet er in den Raum, schickt seinen graustarigen Blick hinterher. Die Enkelin nimmt seine Hand, lächelt, sagt: Du bist doch selber achtundachtzig, Großvater. Na und? murrt er....





