Seiltanz
- Juli 28, 2023
- by
- Manfred Lipp
Sah sie also den Mann wieder, der ihr Gewalt angetan hatte. Dort stand er, hinter der Scheibe, starrte geradeaus, ausdruckslos. Sie erkannte ihn sofort. Nummer drei, sagte sie, räusperte sich, deutete auf den schmächtigen Kerl in den verwaschenen Jeans. Neben ihr einer, der nickte, etwas sprach, sie verstand es nicht. Nummer drei, wiederholte sie, lauter nun, bemerkte, dass sie zitterte, nicht stark, ein wenig bloß. Sie schämte sich dafür.
Sie hatte ihn gleich bemerkt, obwohl er nur dastand, auf dem Gehsteig, den Weg nicht blockierte. Er hatte, den Kopf leicht zur Seite geneigt, die linke...
Ungewiss
- Juli 21, 2023
- by
- Manfred Lipp
So still war die Welt, als er die Augen aufschlug. So sanft. So grün. Einen Moment, dass er Frieden fand zwischen den dunklen Träumen der Nacht und der Angst, der Hast, den Strapazen, in die der Tag ihn stoßen würde, bis ihn ein Sonnenstrahl blendete, der sich, irgendwie, durch Baumwipfel und Strauchwerk zwängte, ihn der...
Opfergabe
- Juli 14, 2023
- by
- Manfred Lipp
Der Bub öffnet die Tür, tritt in den Hof, quert ihn. Steckt die Hände in die Hosentaschen, geht langsam, schaut auf das Mädchen, das beim Zaun hockt, sieht, wie der Wind mit ihrem Haar spielt, sieht den Verband an ihrem Arm. Elsa, sagt er, sagt nur das, setzt sich neben sie, lehnt den Rücken gegen...
Lose Versprechen
- Juli 07, 2023
- by
- Manfred Lipp
Trafen wir uns also wieder, saßen in jenem Gastgarten, der uns so vertraut war in jungen Jahren, streckten unsere Rücken, hoben die Gläser, klammerten uns an die alten Erinnerungen. Wie viele Jahre, fragte einer, dass wir uns aus den Augen verloren, unsere Freundschaft beiseitegelegt hatten wie ein abgetragenes Hemd? Keiner mehr, der die Nichtigkeit kannte,...
Die Düsternis in mir
- Juni 23, 2023
- by
- Manfred Lipp
Diese Schwermut, die in mir haust wie ein lästiger Gast. Die dich, ich weiß es doch, so ängstigt, wenn sie ihre Fratze hebt, mehr noch als mich. Die dich hilflos macht und wütend, weil du glaubst, dass du mir nicht genügst, dass ich kein Recht hätte, traurig zu sein. Vielleicht, denke ich mir, ist es...





