Dein Wille geschehe
- Juli 14, 2026
- by
- Daniela Dangl
„Da Viechdokta hot se daschossn!“1„Der Tierarzt hat sich erschossen!“, rief ich beim Nachhausekommen schon im Windfang. Nachrichten von Todesfällen machten im Ort die Runde, da waren die leblosen Körper noch warm – das Konferenzzimmer der Volksschule war ein Umschlagplatz örtlicher Aufreger. Ich stieß die Tür zum Wohnzimmer auf und warf meinen Rucksack auf den Divan. Opa schnitt unbeeindruckt das Kerngehäuse aus einem schrumpeligen Apfel, viertelte ihn und reichte mir ein Stück mit derselben Hand, in der er das Messer mit der zu Tode geschliffenen Klinge hielt.
„In Krebs hod a ghobt!“2„Er hat Krebs gehabt!“, bellte ich, um mich gegen den laufenden Fernseher behaupten zu können. Opa schaute kurz hoch.
„I mochats genauso“3„Ich würde es genauso machen“, flüsterte er und schnitt eine faule Stelle aus einem Stück, schob sich den Rest in den Mund. Er kaute lange. Sein falsches Gebiss saß nicht mehr richtig, war locker geworden und klackte beim Beißen. Am klebrigen Wohnzimmertisch stand die Schale mit dem zusammengeklaubten Obst, zwischen seinen Knien hielt Opa den Abfallteller geklemmt. Sein Hörgerät pfiff, er griff danach. „Auf so a Leben warat i a nix neigrig“4„Auf so ein Leben wäre ich nicht neugierig“, murmelte er. Dann widmete er sich wieder seinen Äpfeln und schaute dabei weiter die Fünf-Uhr-Nachrichten.
„Stö da vua: Da Viechdokta hot se daschossn“5„Stell dir vor: Der Tierarzt hat sich erschossen“, sagte er plötzlich und schälte dabei einen weiteren Apfel. War ihm abhandengekommen, dass ich es gewesen war, die ihm diese Neuigkeit vor zwei Minuten erzählt hatte? In letzter Zeit wiederholte sich Opa immer öfter. Ihn darauf hinzuweisen, ließ ich mittlerweile bleiben. Es war mir unangenehm, wenn er an seinem Geist verzweifelte. „Jetz is nix mehr mit mia, jetz kea i weg“6„Jetzt bin ich nichts mehr wert, jetzt gehöre ich weg“, sagte er dann, und die feste Stimme, mit der er das ohne Koketterie aussprach, schnürte mir die Luft ab.
Der Selbstmord des Amtstierarztes schlug Wellen, die schwarze Fahne hing vor der Bezirkshauptmannschaft. Längst war der Viehdoktor in Pension gewesen, ein Nachfolger hatte die Agenden übernommen. Obwohl ihn nur noch die Alten kannten, war die Kirche voll. Der Sarg stand vor dem Allerheiligsten, tausend Kränze daneben und einer darauf. Auf dem Altar, zwischen den flackernden Kerzen, das Foto des Verstorbenen, wie er bei seinem Setter kniet, ein Gewehr geschultert. Seinen Hund hatte der Arzt auch erschossen, kurz bevor ihm die zweite Kugel das Leben nahm. Keiner hätte sich angemessen um das Tier kümmern können; die zurückgelassene Witwe nicht und nicht die Kinder, die schon lange in Wien wohnten. „Gscheider so“7„Besser so“, sagten die Leute, „er hod hoid a Herz ghobt.“8„er hat eben ein Herz gehabt.“ Vielleicht waren deshalb so viele da, oder weil sie die erwachsen gewordenen Buben mit ihren „Großstadtgrazien“ sehen wollten, die in der Kirchenbank saßen und sich die Hände schütteln lassen mussten. Beileidbekundung und Neugier hielten sich bei Trauermessen die Waage.
Ich begleitete Opa zum Begräbnis. In letzter Zeit konnte er sich nicht mehr zu hundert Prozent auf seine Beine verlassen, besser, er hakte sich unter. Opa war zu stolz, einen Gehstock zu verwenden, weil das nur greise Männer tun. So weit sei er noch nicht, so weit werde es nicht kommen.
Der Weg zum Friedhof war eine Tortur. Auch wenn er nur vier Trauermärsche lang war, geriet der Friedhofsberg zur Herausforderung. Die Choräle wurden langsamer, unter den Hüten sammelte sich der Schweiß, der Trommelhund hechelte. Unbeeindruckt tuckerte der schwarze Mercedes mit dem Sarg in seinem Blechbauch über den Hügel; der neue Totengräber kannte offensichtlich den zweiten Gang, aber keinen Rückspiegel. Opa hielt sich tapfer, er schwitzte und schwieg und setzte einen Schritt nach dem anderen. Neben uns echauffierte sich ein streng Gescheitelter über den Leichenwagenfahrer, der schon hinter der Kuppe verschwunden war. Dem werde er was erzählen. Sich so pietätlos zu zeigen und dem Trauerzug davonzufahren!
Am Grab hatte der wütende Mann die Fassung wieder gefunden. Er hielt eine ergreifende Rede; es war die Leistungsschau einer geglückten Existenz. Schnäuztücher wurden verstohlen aus den Röcken gefischt. Der akkurat frisierte Jagdkollege erzählte davon, wie er mit dem lieben Verblichenen die Schulbank gedrückt habe. Die gute alte Zeit! Kurz nur hätten sie sich aus den Augen verloren, viele Wege seien dieselben gewesen: Heirat, Kinder und jene in die Gaststuben der Stadt. Eine Koryphäe sei sein Freund gewesen, der beste Tierarzt weit und breit – und mehr als alles andere menschlich, vom alten Schlag! Welche Lücke er hinterlasse!
Opa schüttelte kaum merklich den Kopf. Er schien eine andere Erinnerung zu haben. Ich wusste auch, dass der Tierarzt cholerisch herumschreien konnte. Einmal war ich in seiner Schusslinie, hatte ihn fluchen gehört und war froh, dass es im Stiegenhaus der Hauptmannschaft einen Philodendron mit riesigen Blättern gab, hinter denen ich unbemerkt in Opas Büro huschen hatte können. Freitags lief ich immer nach meiner Flötenstunde gleich ins Amt, um Opa abzuholen. Ich saß dann bis Dienstschluss an seinem Schreibtisch, dem einzigen ohne Telefon. Opa redete nicht gerne fernmündlich, weil er mit seinem Hörgerät nicht alles verstand. Dafür hatte er seine Kollegin, die endlos qualmte und Kaffee ohne Milch trank. Wenn Opa nur noch Akten studierte, war ich das glücklichste Kind, denn dann hatte er mir ein Blatt Papier in seine Schreibmaschine eingespannt, um mir das Warten kurzweilig zu gestalten. Es war faszinierend, die Metallarme gegen das Blatt dreschen zu lassen. Am witzigsten war es, wenn ich verbotenerweise alle Tasten gleichzeitig drückte und sich die As und Os ineinander verhedderten. Ich musste dann die Buchstabenschleudern zurückdrücken und holte mir dabei schwarze Finger, die ich verstohlen am Vorhang abwischte.
In diesen Gedanken hatte ich mich verfangen, als die Ansprache ihren Abschluss fand. Die Musik spielte den Kameraden, die Verwandten versanken in ihrer Trauer, das stumme Weinen lief aus dem Ruder, als die Leichenbegleiter den Sarg in die Tiefe kurbelten. Die Witwe schluchzte und schrie und schlug sich mit der flachen Hand immer wieder gegen die Brust. Ich wunderte mich über so viel Theatralik.
Aus tiefstem Herzen und mit belegter Stimme verabschiedete sich der Freund am offenen Grab: „Pfiat de Gott – und bleib gsund.“9„Behüte dich Gott – und bleib gesund.“
Ich war nicht die Einzige, die sich das Lachen verbiss. Opa klackte mit seinen falschen Zähnen, sein Hörgerät pfiff. Das tat es immer, wenn er grinste. Dieses verschmitzte Blitzen in den Augen war ihm bis zum Schluss geblieben, der schneller gekommen war, als ich gedacht hätte. Opa war bereits krank, als er die Asche ins Grab warf, doch das wussten wir damals noch nicht.
Als sich sein Krebs unerträglich schmerzhaft in Lunge, Knochen, Leber ausgebreitet hatte, hörte mein Großvater auf zu essen. Er verweigerte jeden Bissen, verweigerte jede weitere Medizin mit einer Vehemenz, die deutlich machte, dass er sich einem Leben verweigerte, auf das er nicht mehr neugierig war. Er wollte den Tod und ich ließ es zu.
Aus:
Daniela Dangl: Lichte Schatten, Literaturedition Niederösterreich, Frühling 2025
Daniela Dangl, 1974 im Waldviertel (Niederösterreich) geboren und aufgewachsen, in Wien das Germanistik- und Geschichtestudium absolviert, unterrichtet am berufsbildenden Schulzentrum Horn, lebt mit ihrer Familie im nördlichen Niederösterreich und schreibt Kurzgeschichten und Dialektlyrik.
D. Dangl fokussiert in ihren Texten Beziehungen, stellt Fragen an die Vorfahren und thematisiert das Schweigen der Heimat. Die tiefe Verwurzelung mit dem nördlichen Waldviertel durchdringt ihre Sprache und leitet den Blick dorthin, wo das Leben mitunter wehtut oder schreiend komisch ist.
Veröffentlichungen in diversen Literaturzeitschriften und Anthologien.
Eigenständige Veröffentlichung:
„Lichte Schatten“, Erzählungen, Literaturedition Niederösterreich, März 2025
Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Daniela Dangl, die Bildrechte bei Doris Lipp.



