Der tragikomische Heimgang des Paul Auhuber

Gastbeiträge

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Einmal habe es ja so kommen müssen, wurde hernach allgemein gemunkelt. Und wenn schon nicht der Auhuber, so habe zumindest das Lachen, das umfassende Lachen in der Welt, das Weltlachen sozusagen, den Wünschen so mancher entsprochen. Jedenfalls sei es ihren Wünschen weitestgehend entgegengekommen. Viele nämlich hatten sich – und das schon immer – gewünscht, heimlich oder nur oberflächlich verhohlen, es möge ihm dereinst einmal im Halse stecken bleiben, dem Auhuber Pauli – das Lachen. So buchstäblich immerhin, wie es dann gekommen und stecken geblieben war, hatte man – auch das beeilte man sich allgemein hernach zu betonen – so hatte man es ihm denn doch wieder nicht an – respektive in – den Hals gewünscht. Aber manches geht halt, wenn auch in Erfüllung, so doch anders als gewünscht.

Und nun war es soweit. Am falschen Ort und zum falschen Zeitpunkt, hätte der Auhuber gesagt, wenn er’s denn noch hätte artikulieren können und wenn jemand auf die Idee verfallen wäre, ihn zu fragen, wie er Ort und Zeitpunkt bewertete. Es scheint Dinge zu geben, zu deren Grundeigenschaften und -arten (oder vielmehr –unarten) es zu gehören scheint, am falschen Ort zum falschen Zeitpunkt aufzutauchen oder einzutreten: die Sperrstunde, der Kater oder eben besagtes Steckenbleiben des Lachens im Hals.

Der Auhuber saß gerade im ›Hirschen‹ beim dritten Weißbier am Stammtisch. Weiterhin anwesend waren der Anzengruber Johann, der Wieshügel Sepp und der Zitzelsberger Hans, niemand also, der sich – wie insgeheim auch immer – gewünscht hätte, dem Auhuber möge das Lachen im Hals stecken bleiben: lachten doch alle drei ebenso gerne, so laut und so dreckig (es kann nicht anders gesagt werden) wie der Auhuber selbst.
Und dennoch stak es plötzlich fest, das Lachen im Hals, mochte weder vor noch zurück oder
gar heraus aus dem Hals.

Der Auhuber schluckte ein paar Mal trocken und blinzelte verdutzt.
»Schmeggdt da dei Bier nimma?«, fragte zwischen zwei Schluck der Zitzelsberger.
»Oda wos schaugsd nochan so blehd?«, präzisierte der Wieshügel, der feinsinnig den verstörten Gesichtsausdruck des Auhuber zur Kenntnis genommen hatte.
Man schüttete sich fast aus vor Lachen in der fröhlichen Runde, das eine oder andere Glas Weißbier schwappte bereits verheißungsvoll beim Anstoßen über. War man – wie zumeist so früh am Vormittag – allein im ›Hirschen‹, kein Sto-to-totter-Max, kein Hasischarti und kein Tuttln-Kurtl, war man also ohne äußere Steine des Lachanstoßes, musste man halt über sich selbst lachen. Man war schließlich kein Kind von Traurigkeit, der Auhuber am allerwenigsten, der ansonsten stets und gerne mitlachte, auch – und mitunter am liebsten und lautesten – eben über sich selbst. Nur diesmal nicht, war ihm doch – wir wissen’s bereits – das Lachen im Hals stecken geblieben, und zwar gründlich.

Ein neuerlicher Lachanfall schüttelte – polternder noch als zuvor – die Runde nach einer Schweigesekunde, während der alles zum Auhuber hingeschaut und festgestellt hatte, dass dieser in der Tat beträchtlich dümmer aus der Wäsche schaute, als man es normalerweise von ihm kannte.

Ein drittes Mal und abermals lauter als bisher donnerte das Lachen vom Stammtisch durch den ansonsten leeren Saal, als bemerkt wurde, dass der Auhuber selbst in das Lachen nicht mit eingestimmt hatte, sondern nach wie vor schweigend und regungslos vor sich hin stierte. Lediglich die Augen traten ein wenig hervor.
»Ja, Auhuaber«, frotzelte der Zitzelsberger, »sedtsd an Haufen?«
»Oda legsd a Oa?« Der Wieshügel knuffte den Auhuber prustend in die Seite.
Weder das eine noch das andere war der Fall. Das Lachen steckte nach wie vor im Hals fest und wollte sich partout – also ›ums Varegka‹ – keinen Millimeter weit von der Stelle rühren. Stattdessen versperrte es der Luft den Weg; schon begann der Auhuber rot anzulaufen.
»Mogsd vielleicht noh a Bier?«, fragte der feinfühlige Zitzelsberger anteilnehmend, der dem Auhuber jeden Wunsch von den Augen abzulesen vermochte, und dem nicht entgangen war, dass der Auhuber sein Glas bereits bis auf den letzten Tropfen geleert hatte.

Der Zitzelsberger traf auch diesmal voll ins Schwarze, indem er den Blick des Auhuber aus immer größeren Augen als Bierwunsch interpretierte. (Allzu differenziert war allerdings des Auhubers Wunschdenken nie gewesen und daher leicht zu erraten.) Der Auhuber hätte tatsächlich nur zu gerne einen Schluck Bier gehabt, um das stecken gebliebene Lachen fortzuspülen – indes: Weder brachte er einen Laut der Zustimmung noch gar etwas anderes hervor; vom Lachen ganz zu schweigen.

Der Zitzelsberger hielt ihm sein eigenes Glas an die Lippen.
Wie gerne hätte der Auhuber nun einen anständigen Zug getan, das bockige Lachen hinuntergeschluckt oder -gespült und anschließend befreiend herausgerülpst.
»Mei, jedsa seid’s oba daschrogka, hah!«, hätte er lauthals das in einem Zug geleerte Weißbierglas auf den Tisch geknallt und eine neue Runde für alle bestellt.
»A so a Gaudi!« Der Wieshügel schlug sich bereits vorfreudig mit beiden Handflächen auf die Oberschenkel, dass es nur so krachte. Der Auhuber war für seine gelungenen Späße bekannt.
Allein: Das Lachen hatte sich so nachhaltig und hartnäckig im Auhuber’schen Hals festgesetzt, dass es nicht nur der Luft, sondern auch dem Bier den Weg versperrte. Es lief, mochte der Zitzelsberger auch fleißig nachschütten, so viel er nur wollte und konnte, nicht des Auhubers Kehle, sondern lediglich aus dessen Mundwinkeln und hernach außen am Hals hinunter.

Immerhin entrang sich nun ein Laut der Brust des Auhuber Pauli:
»Mmh, mmh«, klang es theatralisch, wahrhaft ge-, beziehungsweise entrungen. Man hatte gar nicht gewusst, dass der Auhuber ein derart begnadeter Schauspieler war.
Allenthalben rang man – ähnlich wie der Auhuber selbst, wenngleich anders geartet – vor Lachen nach Luft.
»I hob goa ned g’wussdt, dass’d ah Hochdeidsch kohsd«, brachte der Wieshügel unter Tränen hervor.
Lachen kann anstrengend sein. Der Anzengruber, obzwar ein gestandenes Mannsbild mit eisernen Lachmuskeln, hielt es nicht mehr länger aus:
»I geh bieseln«, raunzte er und erhob sich schwankend, was mit einem einstimmigen ›Bravo‹ begrüßt wurde, da inzwischen sämtliche Gläser geleert waren und mit einem Gang zur Toilette stets die Bestellung einer neuen Runde einher ging. Der Anzengruber klopfte dem Auhuber im Aufstehen auf die Schulter, teils um sich abzustützen, teils um dem Auhuber für dessen gelungene Einlage seine aufrichtige Anerkennung auszudrücken.
»Mmh, mmh«, machte der Auhuber ein weiteres Mal zur allseitigen Freude und sank mit dem Kopf auf die Tischplatte.
Mehr war nicht aus ihm herauszubringen.

Der Doktor Ochsfiesl schrieb unter der Rubrik ›Todesursache‹ etwas vollkommen Widersinniges in den Totenschein. Er war ja auch beileibe nicht mehr der Jüngste, der Doktor Ochsfiesl.

Aus:
Dieter Lohr: Bismarcks Fahrrad. Geschichten aus Regensburg. Spielberg Verlag, 2010

Dieter Lohr. Hörbuchverleger, Schriftsteller, Dozent für Medienwissenschaft sowie Deutsch als Fremdsprache. Lebt in Regensburg. Jüngste Buchpublikation, Juli 2020: »Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.«
Bismarcks Fahrrad
Spielberg-Verlag

Die Textrechte dieses Beitrags liegen beim Verlag, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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