Durchreise

Durchreise

Als er die Augen aufschlug, saß er allein im Abteil. Einen Moment lang, der ihm wundersam freundlich schien, wusste er weder, wo er sich befand, noch an welchen Ort ihn der Zug tragen würde. Er gähnte, wandte, trunken vom Schlaf noch, den Kopf, sah in der Fensterscheibe sein Spiegelbild. Hinter dem Glas steckte die Dämmerung die Landschaft in purpurnes Licht. Ihm war, auch wenn sich kein Gedanke dafür fand, als würde er etwas betrachten, das es zu entschlüsseln galt, doch dieses Gefühl, das einer Gewissheit glich, entglitt ihm rasch. Er tat zwei tiefe Atemzüge, streckte sich, rieb sich die Augen. Obschon er sich nicht an den Moment erinnern konnte, da ihn die Müdigkeit befiel, so war ihm doch klar, dass er geschlafen hatte. Er schüttelte den Kopf, wusste, dass er, als er einschlief, nicht allein gewesen war. Scham stieg auf in ihm. Es war ihm peinlich, vor Fremden den Eindruck zu wecken, verletzlich zu sein. Angreifbar. Mit einer Handbewegung, die auf andere wirken mochte, als scheuche er eine Fliege von seinem Gesicht, vertrieb er diesen Gedanken. Er sah auf die Uhr, nickte. Bald, dachte er. Bald würde er ankommen. Mit der Selbstsicherheit eines Menschen, der zu wissen schien, was ihn erwartete, hob er den Kopf, sah aus dem Fenster. Sein Spiegelbild betrachtete ihn mit einer seltsamen Mischung aus Neugier und Spott.

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