Erkenntnis kommt in blauer Stunde

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Lore Güldenstern war weder klein noch groß, weder dick noch dünn. Mit 393 Jahren war sie auch nicht alt oder jung. Lore war Lore – und das war gut so.
Sie war anderen ähnlich und dennoch ganz sie selbst […]. Jeden Morgen, wenn die Waldohreule sich nach durchjagter Nacht matt zur Ruhe begab und die Sonne die Vögel und Fische aus dem Schlaf lockte, streckte und reckte auch Lore sich, blickte auf das Wandrund, das sie umgab: Sie war glücklich, denn dort lebte ihr Reichtum, Wort an Wort, alles, was sie gesammelt hatte: die ganze Schönheit dieser Welt.
›Raureif umflort‹ stand, wohin ihre große linke Zehe wies, ›frühlingszart‹ thronte hinter ihrem rechten Fuß, ›Oktobergold‹ und ›sonnlichtern‹ frohlockten in der Mitte. In den Zwischenräumen aber sang bereits das nächste phantastische Klangabenteuer sein lockendes Sirenenlied.

Jeden Vormittag huschte Lore mit dem Wind durch die Welt, durch Straßen und Häuser und Gassen, um nach Worten zu haschen.
Manche sammelte Lore, weil der Klang sie bezauberte – ›fürwahr‹ war so ein Wort. Oder: ›feuerlilienfroh‹ und ›herbstanemonenzart‹. Sie mochte ›Augenstern‹ und ›Ohrenschmaus‹. Stahl sich aus dem Mund einer Alten ›Glückseligkeit‹ und von einem Jungen ›Genial!‹. Ihr gefielen aber auch ›Matsch‹ und ›Klatsch‹, da Wahrheit in ihnen lag.

An den Nachmittagen, wenn sie genug Wörter gesammelt hatte, setzte sie sich im Schneidersitz auf den Boden, um mit Tinte auf Papierstreifen zu schreiben, was sie den Menschen abgelauscht hatte. Danach suchte sie in ihrer Höhle für jedes Wort seinen besonderen Platz, an dem es sich wohlfühlen könnte, da die anderen rundum es freudig begrüßen würden. Und Lore klebte es an seinen neuen Lebensort.

Abends, wenn sie unter dicker Schafwolldecke auf ihrem Federbett lag und sich auf den moosgrünen Schlaf freute, glitten ihre Augen gerne noch im Abschied von Wort zu Wort. Dann fügten sich diese zueinander in Sätzen, um ihre Geschichten zu erzählen. Und der sternengekrönte Himmel lauschte ebenso wie der Ewige Wandler Mond. Die Rotkehlchen im Nest schliefen dazu ein, und sogar die kinderreiche Familie Bilch, die seit Ewigkeiten unter Lore im gleichen Baum heimte, unterbrach für den Klang der Worte ihr geschäftiges Treiben.

An guten Tagen fing Lore sieben mal sieben Wörter und dreizehn Sätze – doch der letzte Gutetag war lange schon vergangen, blieb mit dem vorigen Winterschnee in der Februarsonne zurück.

Seit Wochen – nein, vielmehr: seit Monaten – fand Lore täglich weniger Wörter. Zuerst war deren Klang spärlicher geworden, dann ärmlicher, abgerissen sogar, verschlissen fransten ihre Ränder oder sie stachen messerscharf, krochen manchmal in letzten Zügen von den Lippen der Menschen, erstarben im leisen Seufzer ›Na dann …‹.
Und die Farben der Welt, ja, die Farben: Sie hatten sich im letzten Sommer noch für einige Tage kräftiggrell aufgebäumt, den Schmetterlingen zum Trotz, die wie trunkene Schneeflocken vom Himmel fielen. Sie strahlten, als riefen sie mit letztem Atem die Bienen zu sich, die kraftlos taumelten. Selbst der Honig wurde – nach erster Verlegenheit – grün(d)lich blass.

Sie hatten alle um Sichtbarkeit gerungen – und nun?

Es war, als würde die Natur aufgeben. […] Nahe der Städte, der Dörfer ließen die Bäume traurig ihre Äste hängen. Wie hatte Lore es übersehen können, dass sie sich senkten und senkten, bis ihre Astspitzen den Boden berührten? Fürwahr, so konnte es keinen einzigen Tag weitergehen!

Und weil ein Beschluss auch Laut werden soll, stampfte Lores rechter Fuß entschieden auf, und sie sagte klar und deutlich:
»So kann es nicht weitergehen! Nein! Nein! Nein!«

Noch schwiegen die Baumkronen, stummten die Vögel.

Nur die Bienen flüsterten eifrig – als Lore jedoch genauer hinhörte, vernahm sie einzig: »Bin in Eile. Habe zu tun. Eine Blüte noch. Irgendwo eine Blüte noch. Ist denn nirgends eine Blüte noch?«

Und die Waldameisen, die sowieso immer Hektiker waren, rasten im Kreis, zwei Armlängen von Lore entfernt. Nichts war mehr in Ordnung. Nicht einmal im Wald.

In diesem Moment trieb der Wind leises Gemurmel aus der Ferne herbei. Lore lauschte. Es war der Gesang des Waldbachs, stiller als im Frühjahr, da sie sich dort die Erde von den Händen gewaschen hatte. Still-stiller, als in jenen Tagen, da ihre Zehen frohgemut mit seinen Perltropfen gespielt hatten. Still-stiller, aber trotzdem unverkennbar: sein Plätschern und Glucksen, über-Steine-Zappeln und um-Wurzeln-Schmiegen, sein Moos-Bespritzen und Fische-Treiben. Kaum an seinem Verlauf angekommen, sah Lore, weshalb der Bach so leise geworden war: Konnte sie ansonsten um diese Jahreszeit in ihm schwimmen, spielte sein Wasserlauf gegenwärtig gerade noch mit ihren Knien. Wie hatte ihr das entgehen können, sie war doch wiederholt an ihm entlanggelaufen?

Lore neigte sich über das Wasser. Zittrig spiegelte sich darin ein Bild, grau und gram. Lore beugte sich näher – also, nein, da hörte sich wohl aller Spaß auf! Grün war ihr Haar, ja. Aber nicht frühlingszart und auch nicht junitief, kein moosgrünstrotzend, sondern mooriggrau. Und ihre Ohren standen nicht spitz, sondern hingen matt herab. So sah Lore ja schon beinahe aus wie das steinerne Pferd! Und erst ihre Güldensterne! Warum hatte sie nicht bemerkt, dass keiner von ihnen, nicht ein Einziger golden schimmerte? Die waren höchstens zitronenblass. Kein Wunder, dass Lore vor Schreck ins Wasser fiel!

Darin lag sie dann.
Und während der Bachlauf sie sanft umspülte, rieben ihre Hände wieder und wieder über den Nacken, kneteten ihre spitzen Ohren. Es rollten sich ihre Finger über die Augen, sie zupften sogar an ihrer Nase, weil der Bach Lore von Fuß bis Kopf frohgemut begluckerte. […] Sie teilte ihr Haar in drei Strähnen, um es zu einem langen Zopf zu schlingen. Doch als Lore mit ihrem Flechtwerk beginnen wollte, hielt sie frappiert inne: Da saß etwas im Nackenhaar! Klebte fest – ein Kloß, ein Klumpen! Wie Birkenpech und Fichtenharz!
Mit spitzen Fingern zog Lore, zerrte und zupfte – bis sie sich sieben Haare und eine Sorge herausgerissen hatte. Sorge aber war keineswegs mehr winzigklein, sondern groß wie eine Kinderfaust, eingehüllt in lebendigen schimmelgrünen Schleim:
Igitt! Pfui Teufel! Drei Mal krötengiftiger Ekel. Das fand sogar der Farn, als Lore ihre sieben Finger an ihm abzuwischen versuchte. Empört zitterten seine Blätter bis – ja, bis Lore den Kern fand, einen zweigliedrigen Keim, zerfurcht wie eine alte Erbse. Mausgrau lag er nun auf Lores pelziger Hand, zottelte holpernd vom Ringfinger zum Daumen, zum Mondbein und kleinen Vieleckbein, zum Zeigefinger und zurück. Zersorgt war der Sorge Keim, völlig zersorgt. Nicht bloß besorgt, nein. Das war kein kleines be- mehr, kaum gesprochen, schon vorbei. Das war vielmehr ein vollkommenes ZER. Saß mitten im Kern, hatte sich um und auf, über und unter und hinein gefressen: vollständig zersorgt. Wie auch Lores Haar zersorgt gewesen war und ihre ehedem gülden schimmernden Sterne.
Als Lores Zeigefinger jedoch nach dem Keim tappte, zersprang er in tausend Splitter, die sogleich aufs Neue wuchsen und in Panik schimmelgrünen Schleim um sich spuckten.

»Da hört sich doch alles auf!«, murmelte Lore empört. Der Bachlauf aber gluckste nur sanftmütig seine Antwort, lockte mit dezentem Sonnenflirren und Steine-Umschmiegen. Lore ließ – zögerlich zuerst, hernach zusehends zügiger – all die Sorgbrösel in sein Wasser gleiten, und ihr schien, als würde der Bach ermutigend kichern und blubbern. Schon trieben die Sorgbrösel davon, kreiselten – und lösten sich in nichts auf! Fürwahr!

Nur eines, ein ganz Kleines, ein überaus Trockenes kauerte noch in Lores Handfläche, krallte sich entschlossen an ihrem zarten Fell fest, wollte nicht weichen:

»Sorgsam«, flüsterte es. »Sorgfalt, umsorgen, sorgfältig?«
Bat mit weicher Stimme, und da Lore zögerte, fuhr es fort: »Aussorgen? Sorgsamkeit? Versorgen?«

Bis ihm keine weitere Variante einfiel.
Lore dachte nach: Damit ließe sich wohl etwas anfangen.

Vorsichtig nahm sie ihr güldenes Halstuch ab, ließ das winzige Brösel hineinrieseln, denn in die Haare käme es ihr nie und nimmer mehr.
Lore rollte das Tuch zu einer Liane, schlang sorgfältig einen Knoten hinein, zog ihn fest und fester, band es sich um die linke Hand: Damit sie es – »Sorgsam!« – ständig im Blick haben würde.

Plötzlich hielt Lore inne: War es das, was allüberall geschehen war? In der Stadt und im Wald? In den Dörfern und auf den Straßen? Aber wie hatte es dazu kommen können, dass die Sorge derart überhandgenommen hatte? Und würde sorgsames Aus-Sorgen helfen? Lore hielt mitten im Denken inne, lauschte: Da floss doch wahrhaftig eine Melodie durch den Wald! Sich singende Menschenworte, oder? Nein, sie hatte sich nicht geirrt! Ihre leeren Ohren hatten ihr keinen Streich gespielt: In leisen Menschengesang zum Flötenlied mengte sich Stimmlachen sogar.
Und Lore lief flink wie eine Waldameise auf der Suche nach jenem Ort, sauste auf Eichhörnchenbeinen stammhinauf, stammhinab, wärmer und wärmer wurde ihr. Sie sprang von Grashalm zu Grashalm, flitzte an Hopfenranken hinunter und kullerte mitten auf eine Lichtung, um die kräftige Bäume in strahlendem Sonnenschein standen!

Dort hopsten drei Kinder im Haschmich um zwei Menschen, die auf einer Wolldecke ruhten, sorgfältig ausgebreitet deren großes Karo. Darauf eine rotsilberne Flöte, ein güldenes Buch. Daneben Kuchen und orangegelber Saft in Gläsern, sorgsam bedeckt mit bunt getupften Deckeln, damit keine späte Biene den Farbenfrohsinn für eine Blüte halte, hineinfalle und ertrinke. Eine Schale kraftstrotzender Himbeeren, daneben reiches Heidelbeerenblau, um der lebhaften Rangen Appetit zu versorgen, würden sie matt vom Spielen werden.

Und während sich diese Menschen die warme Sonne auf Gesicht und Beine scheinen ließen, purzelten aus ihren Mündern Worte und Lieder, Sätze und Gelächtermelodien, und Lore lauschte versunken. Bald schon schlappten ihre Ohren nicht mehr herab, ihre Fingerspitzen verloren etwas Ozeantiefe, ihre Güldensterne schimmerten trunken: Lore konnte sich an der Schönheit gar nicht satthören, die sie hier umsang – ›Mußetage‹ und ›Zeitenlauf‹, ›Violinschlüssel‹ und ›Fagott‹.

Aus:
Marlen Schachinger: Erkenntnis kommt in blauer Stunde. Wien: Verlag Der Apfel 2023.

Marlen Schachinger wurde im Dezember 1970 frühzeitig und während eines Schneesturms geboren – wohlgemerkt: der österreichischen Variante desselbigen, und wie alles hierzulande kommt auch so ein Schneesturm ein bisschen verhaltener daher als anderswo, ein bisserl gemütlicher eben. Dennoch genügten die Böen, dass der Rettungswagen am See entlang schlingerte und beinahe in einer Schneewehe zum frühzeitigen Ende seiner Fahrt gekommen wäre. Und der Wind blies dem Kind, das gerade geboren wurde, in jener Nacht seine Lebenskraft und sein Temperament zu, wehte sie zum Trotzdem und nährte den unbändigen Wunsch, dieses Leben kraftvoll zu gestalten.
Nicht nur, dass bereits ihre Geburt mit einer Geschichte begann, wuchsen diese auch mit ihr, nährten sich am Klang der Wörter in Gedichten, verzweigten sich in der Lektüre in alle Himmelsrichtungen, schufen Universen und Bildwelten, wurden Klangraum und Lebensmittel.
Und weil Marlen Schachinger ist, wer sie ist, will sie sehen, was vor sich geht, will Welt in ihrem Sein und ihrem Könnte umfassen, will gestalten. Sei es in ihren Büchern, in ihren Filmen, sei es in fremden Sprachwelten, die sie in ihrer eigenen zum Tönen bringt oder in den Erzählungen anderer, denen sie zur Welt verhilft. Da dies alles auch einen Boden braucht, studierte sie Komparatistik und Sprachen. Wer aber seine Gedanken mit dem Wind ziehen lässt, tut gut daran, nährende Erde unter den Füßen zu haben. Deswegen betreut sie auf ihrem Hof in Kleinbaumgarten Gemüse-, Obst- und Beerengarten, versorgt eine stetig wachsende Tierschar.
So erzählt, liest, liebt, lebt sie auf ihre Art: nachsinnend, wissbegierig, manchmal durchaus auch mit der Leidenschaft des Windes, dem sie von Kindheit an zugetan ist.
Marlen Schachinger
Edition Arthof

Die Textrechte dieses Beitrags liegen beim Verlag, die Bildrechte bei Marlen Schachinger.

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