Kinderbuchexposé

Gastbeiträge

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Die Bläser machten den Atem zu Musik, mit sieben Augen blickte uns ein Würfel an, ein abgegriffener Schellenkönig lag unterm Tisch. Da dachte ich, irgendwann möchte ich gerne ein Kinderbuch schreiben, eine märchenwahre Geschichte.

Wie immer war es wie immer: so könnte es anfangen. Ein Knöchelknacken wäre als Schließgeräusch des nachts zu hören. Mit den Dachantennen streckten morgens die Häuser ihre Fühler aus. Schnee fiele auf ein weißes Laken, Weite verlöre sich im Eigenlob der Fernsicht, ein Verwandlungskünstler täte sich in den verwandeln, der er ist, und großtuerisch zögen auf dem Rummelplatz drei Luftballone einen Anker nach oben.

Mit unserer Schlafmütze als Tarnkappe, am Dämmerungsgrinsen verfallender Mauern vorbei, träfen wir auf einen unbeholfenen Brummbären, auf einen bettelarmen Krösus und eine geschwätzige Sphinx. Ein seidener Faden wäre dick wie ein Schiffstau, der frühere Kutscher Taxifahrer geworden, die Großmutter tränke Rotkäppchensekt. Auf der Flöte eines Käfigstabes ließe sich nur der eine einzige Ton spielen. Beruf dich auf mich, würde ein Nesthäkchen sagen, das Schornsteinfegerin werden will.

Noch unveröffentlicht.
„Das Zusammenfalten der Zeit“ erscheint im September 2022, Kröner Edition Klöpfer.

Walle (Walter-Hermann) Sayer, 1960 geboren. Kindheit und Jugend im Schatten des 1478 erbauten und 60 Meter hohen Bierlinger Kirchturmes, der mit seiner Höhe „ein Veto ragt ins amtierende Licht“. Lebt und schreibt in Horb am Neckar. Veröffentlicht seit 1984 Gedichte und Prosa. Verschiedene Auszeichnungen, zuletzt: Basler Lyrikpreis 2017 sowie Gerlinger Lyrikpreis 2018; 2020/2021 erhielt er ein Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds.
Zuletzt erschienen: „Nichts, nur“, ein Auswahlband, Kröner Edition Klöpfer 2021, „Mitbringsel“, Gedichte, Klöpfer 2019 und „Was in die Streichholzschachtel paßte“, Feinarbeiten, Klöpfer&Meyer 2016.
Walle Sayer bei Literaturport

Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Walle Sayer, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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