Mut

Aus dem Alltag

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Jetzt, da die Dämmerung das Licht aus der Welt zog, kam sie endlich zur Ruhe. Eben hatte sie die Tür geschlossen, noch gehört, wie Silkes Lachen vom Scheppern des Aufzugs verschluckt wurde, bevor auch das verstummte. Nun war sie allein. Sie schloss die Augen, drückte ihre Stirn gegen die Tür. Begann zu weinen, ohne es gleich zu bemerken.

Es mochte die Müdigkeit gewesen sein, die sie wehrlos gemacht hatte gegen die Unruhe, die in ihr war. Gegen die Zweifel, die immer noch an ihr nagten. Manchmal vermisste sie ihn. Vermisste ihn so sehr, dass die Sehnsucht sich kaum zähmen ließ. Tränen schossen aus ihren Augen, liefen ihr über die Wangen, sammelten sich am Kinn, bevor sie zu Boden tropften. Ihr Weinen war lautlos, ein Schluchzen gönnte sie sich nicht.

Mit ihrer Schwangerschaft war er nicht zurechtgekommen. Hatte nicht einsehen können, dass sich sein Leben ändern sollte. Wollte es nicht. Das Baby sei doch noch nicht da, hatte er immer wieder gemeint und sie gedrängt, auf eine Feier mitzukommen oder in die Disco. Anfangs hatte sie es getan, hatte sich widerwillig gefügt, bis sie es dann doch sein ließ. ‚Flo‘, hatte sie gesagt, ‚es ist nicht gut fürs Kind‘. Er hatte sie angesehen und stumm genickt. Er komme bald, hatte er dann gesagt und sie auf die Wange geküsst.

Das Poltern des Aufzugs riss sie aus ihren Gedanken. Sie löste sich von der Tür und trat ins Wohnzimmer. Sah den Küchentisch, um den sich vier Klappsessel gruppierten. Die kleine Couch und das winzige Tischchen davor. Die Zimmerpflanze, die einsam in der Ecke stand. Eine Ameise krabbelte über das altersschwache Parkett und verlor sich in einer Fuge.

Je mehr Wochen vergingen, Wochen, in denen sich ihr Körper zu verändern begann, desto länger blieb er fort. Desto betrunkener kam er nach Hause. Er habe mit Freunden seine Vaterschaft gefeiert, sagte er dann und grinste, bevor er im Bad verschwand.

Sie war im fünften Monat, als sie begriff, dass sie gehen musste.

Er konnte es nicht glauben. Selbst dann nicht, als sie schon vor ihm stand, die Reisetasche in der Hand. ‚Es ist doch auch mein Kind, Steffi‘, sagte er. Schrie es beinahe. Fasste sie am Handgelenk, grob, bestimmend. Drohend. ‚Nicht‘, hatte sie nur gesagt.
‚Bitte nicht.‘

Zu ihren Eltern wollte sie nicht zurück, es kam ihr nicht richtig vor. Sie verstanden es, halfen bei der Wohnungssuche. Ihre Freunde waren da, als es galt, ihr Lachen wiederzufinden.

Flo hatte begriffen.

Hier saß sie also, auf einem Klappsessel am Esstisch, und sah der Dämmerung zu, wie sie das letzte bisschen Licht aus der Welt zog. ‚Wir werden es gut haben‘, sagte sie in den Raum hinein und strich über ihren Bauch.

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