Prinzipiell
- April 03, 2026
- by
- Manfred Lipp
Was Ruth P. im Dämmerlicht eines elenden Tages tat, geschah nicht aus böser Absicht. Auch hatte sie keineswegs im Sinn gehabt, den Pfad zu nehmen, der den Park in seiner Mitte querte, doch die Wegstrecke, die sich dadurch kürzen ließ, war erheblich. Sie war in Eile gewesen und so schwanden rasch die Bedenken, die sie gehegt haben mochte; es war dies, wie sich herausstellen sollte, eine Entscheidung mit Folgen, deren Gewicht sie lange nicht ermessen konnte. Ein wenig Angst stieg in ihr hoch, als sie durch den Park ging, und um sie klein zu halten, horchte sie auf das Knirschen der Kiesel, das ihr, sie wusste nicht warum, Halt gab und Sicherheit. Als sie ein Schrei, spitz, grell, hoffnungslos, aus ihren Gedanken riss, drei Raben aus einem Wiesenstück aufflogen und im Geäst einer Buche Schutz suchten, blieb sie stehen, sah sich um. Sie wunderte sich, wie ruhig sie blieb, wie besonnen. Es war eine Frauenstimme, die sie gehört hatte und einem Impuls folgend, der sich dem Verstand womöglich entzog, ging sie in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Sie trat hinter eine Hecke; und sah. Eine junge Frau, kaum älter als siebzehn, hockte auf dem Boden, weinte. Vor ihr ein Mann, furchtbar jung auch, der reglos auf dem Rücken lag. Neben den beiden: ein Löffel, ein Feuerzeug, ein Spritzenset. Als Ruth P. ihre Augen verengte, straffte sich ihre Seele. Ekel und Abscheu stiegen in ihr auf und sie wandte sich um, ging zum Parkausgang. Hilfe rief sie nicht. Nein, was Ruth P. im Dämmerlicht eines elenden Tages tat, geschah nicht aus böser Absicht. Es geschah aus Verachtung.



