Pythia und Hypnos

Gastbeiträge

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Auf den taunassen Mohnfeldern des Hochplateaus begann der Morgen. Als Wind aufkam, breitete Hypnos, nackt und Mohnblüten im Haar, seine Arme aus. Auf sein Zeichen hin reiften die Samen, fielen in die Hohlräume der Kapseln, rasselten, rasselten, rasselten dort, als stärker wurde der Wind.

Der Regen fiel so zart, dass er unsichtbar war. Er umfing den Mohn, umfing die Haut, doch kein Tropfen war zu sehen, Himmel, samtenes Nass. Leichtfüßig kam Pythia herab, schloss Hypnos die Lider und hauchte warm in sein Ohr: »Ich gestatte dir, nicht zu wissen. Freue dich. Freue dich sehr. Oder stirb vor Qual.« Sanft zwang sie ihn zu Boden, öffnete anmutig ihre Lippen, drückte Hypnos’ Lenden tief in den Lehm. Er wagte nicht zu fragen, nahm lusttrunken hin, was war. Sie liebte sich, indem sie ihn liebte, rührte den Boden, küsste, küsste, küsste ihn, führte Hypnos’ Hände an ihre Brust, Mohnblüten trug er im Haar. Pythia rief, rief in die Himmel, und dann fiel der Regen, wie stark. Er fuhr herab, peitschte den Boden, umfloss die Erde und sickerte ein. Und Pythia hieß ihre Kinder Menschen, gezeugt in Sehnsucht und Traum.

Aus:
Thomas Sautner: Das Mädchen an der Grenze, Picus Verlag, 2017

Thomas Sautner, 1970 in Gmünd geboren, ist Schriftsteller und Essayist. Er lebt in seiner Heimat, dem nördlichen Waldviertel, sowie in Wien. Neben zahlreichen Erzählungen erschienen von ihm u.a. die Romane „Fuchserde“, „Fremdes Land“, „Die Älteste“, „Das Mädchen an der Grenze“, „Großmutters Haus“ und „Die Erfindung der Welt“.
Im Frühjahr 2023 erscheint sein neuer Roman „Nur zwei alte Männer“ im Picus Verlag.
Thomas Sautner

Die Textrechte dieses Beitrags liegen beim Verlag, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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