Rundweg

Aus dem Alltag

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Walter Grossmann schnürte seinen linken Schuh, achtsam, mit geschwollenen Fingern, dachte eine der tausend Belanglosigkeiten, die gedacht werden an den Tagen, die Belanglosigkeiten dulden, spürte plötzlich: den Schmerz. Zuerst war da ein Brennen, das sich mit jedem Atemzug in seine Brust fraß, das bald, nach einer Weile, die er nicht hätte vermessen können, in ein Stechen überging, hart, drängend, unnachgiebig. Walter Grossmann stöhnte, fühlte die Panik, die aufkommen wollte, ließ sie nicht zu. Er griff sich an die Brust, schloss die Augen, kurz nur, öffnete sie wieder, sah den Schuhlöffel, der am Boden lag, die Fußmatte, an deren Rand feuchtes Gras klebte. Nicht so, dachte er. Nicht jetzt.

Er atmete. Konnte atmen. Hockte, gekrümmt, auf dem Sessel, den er ins Vorhaus gestellt hatte nach Friedas Tod, sog Luft in die Lungen, zwang sich Hoffnung ins Herz. Wie lange er so saß, er wusste es nicht. War nur froh, als er wieder frei atmen konnte, tiefer, der Puls nicht mehr raste, der drückende Schmerz Erleichterung wich. Walter Grossmann saß also, überlegte, ob er die Rettung rufen sollte. Dachte: natürlich. Tat einen tiefen Atemzug, spürte nichts. Tat noch einen, lächelte. Dachte: wozu? Bückte sich, den linken Schuh zu schnüren, ließ seinen arthritischen Fingern die Zeit, die sie brauchten.

Hinter dem Löschteich hob sich der Nebel, der tagelang über dem Dorf gehangen war. Walter Grossmann blieb stehen, blickte zur Scheune, die am Ortsrand lag, sah den grauen Kater, der um die Hausecke schlich, im hohen Gras verschwand. Hörte den Schrei eines Kuckucks, vom Waldrand her. Sah den Weg, der sich hinter der Scheune den Hügel hochwand, an den fünf Eichen vorbei, dem Friedhof, der Kapelle schließlich, die auf der Hügelkuppe stand. Wie gut er diesen Weg kannte, den er Tag um Tag ging seit dem Tod seiner Frau. Der beim Löschteich wieder aufs Dorf traf, an der Gabelung, wo das Holzkreuz stand für die kleine Lisa, die vor Jahren im Teich ertrank in einem jener Momente, in denen alles falsch läuft im Leben. Walter Grossmann senkte den Kopf, bekreuzigte sich. Auf! sagte er dann, setzte Fuß vor Fuß, ging langsam, achtete auf seinen Atem. Den Ruf des Kuckucks hörte er nicht.

Als er auf der Bank neben der Kapelle saß, war ihm übel. Sein Herz raste. Nicht so, dachte er wieder. Nicht jetzt. Er schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, saß Frieda neben ihm. Du? fragte er, wollte lächeln, griff sich ans Herz. Hab keine Angst, sagte sie, nahm seine Hand in ihre. Walter Grossmann wollte antworten, konnte es nicht, sank zur Seite, sah den Trupp Sperlinge nicht mehr, der sich von einem Birnbaum löste, aufflog, hinter einer Böschung verschwand.

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