Tradiert

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Luisa war wütend. Einmal mehr hatte sie eine Absage erhalten. Und einmal mehr dachte sie, dass der Grund darin lag, dass sie eine Frau war. Genau genommen: eine junge. Als ob ihre Gebärfähigkeit ihre Qualifikation schmälerte [sie spie den Satz Sie könnte schwanger werden laut in die Stille der Wohnung hinein]. Als ob die Zufälligkeit ihrer genetischen Beschaffenheit ihre Zukunft bestimmen dürfte. [Sie wusste nicht, dass eine erstaunlich große Zahl an Menschen genau dies dachte.] Luisa löschte die Absage, stand auf, trat ans Fenster. Wie konnte sie den Vorurteilen entkommen? fragte sie sich. Wie ließ sich verständlich machen, dass ihr Uterus keine Bedrohung war? Sie fand, wie die meisten Frauen vor ihr, keine Antwort. Luisa schloss die Augen, atmete tief. Vielleicht lag sie falsch, dachte sie. Womöglich hatten die Absagen nichts mit ihr als Frau zu tun. Nur mit ihr. Als sie die Augen wieder öffnete, nach draußen sah, war da die Frau, die ihren Sohn in die Arme schloss. Ein Mädchen, ein wenig jünger als der Bub, stand daneben, wirkte verloren, sah zu Luisa.

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