Transit

Aus dem Alltag

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Er musste geschlafen haben. Mit geschlossenen Augen lag er da und horchte auf den Gesang des Rotkehlchens, der ihn geweckt hatte. Der Vogel, dachte er, hockte wohl im Geäst des Kirschbaums, nah an seinem Fenster. Vom Gang her waren die schnellen Schritte einer Krankenschwester zu hören, die bald hinter einer Tür verebbten. Im Garten schrie ein Kind nach seinem Vater. Er schluckte, bemerkte, wie trocken seine Kehle war. Die Schmerzen, stellte er fest, waren zurückgekehrt. Wären die Schmerzen nicht gewesen und die ständige Müdigkeit, er hätte sich mit dem Sterben abfinden können. Er richtete sich auf, griff nach den Tabletten und dem Wasserglas, ließ sich zurücksinken aufs Bett, legte den Kopf auf die beiden Kissen, dämmerte weg in einen unruhigen Schlaf.

Als er die Augen wieder öffnete, saß seine Mutter auf dem Sessel neben dem Bett. Sie trug eins der Kleider, die sie den Sonntagen vorbehalten hatte, obwohl sie sich kaum von den anderen unterschieden. Auf ihrem Schoß lag die dunkelbraune Handtasche, die ihr von allen die liebste war. Sie sagte kein Wort. Er rieb sich die Augen und versuchte, den Schmerz zu ignorieren, der langsam seine Kehle hochkroch. Was machst du hier, Mama? fragte er.
Ich wollte dich noch einmal sehen, sagte sie und lächelte.
Er sah sie an. Es ist lange her, dass du gestorben bist, sagte er.
Ja, Kind, das ist es. Mir bleibt nicht viel Zeit, fügte sie hinzu.
Mir auch nicht, fürchte ich. Du weißt, dass das ein Hospiz ist?
Sie nickte.
Du siehst so jung aus, Mutter.
Ich war neunundvierzig, damals. Sie griff nach seiner linken Hand, hielt sie, drückte sie.
Du bist nicht leicht gestorben.
Sie sah zu Boden. Sagte dann: Es ist ganz anders, als du glaubst, mein Sohn.
Kein Tunnel, kein Licht? fragte er.
Sie lächelte nur. Hab keine Angst, sagte sie.
Ich habe keine Angst, Mama. Ich bin nur die Schmerzen leid. Ich wünschte, es wäre vorbei.
Ich weiß, sagte sie. Deshalb bin ich hier.
Schließt sich so der Kreis? fragte er. Stehst du am Anfang meines Lebens und an seinem Ende?
Es ist ganz anders, als du glaubst, wiederholte sie.
Ihm wurde schwindlig. Ich weiß nicht, was ich vom Tod halten soll, meinte er. Oder vom Sterben. Es macht mir keine Angst mehr. Er schloss die Augen, um den Schwindel zu bändigen.
Seine Mutter begann, eine Melodie zu summen. Er hätte nicht sagen können, ob er sie kannte. Wo ist Vater? fragte er.
Er konnte nicht kommen.
Wie stimmig, sagte er und musste lachen. Er war nie da, wenn’s drauf ankam.
Ich weiß.
Er öffnete die Augen wieder, sah seine Mutter an. Bist du es wirklich oder fantasiere ich? fragte er.
Sie schüttelte den Kopf. Lächelte. Es ist nicht so, wie du denkst, sagte sie noch einmal. Bald wirst du verstehen.
Werde ich dich wiedersehen? fragte er.
Sie stand auf und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
Er schloss die Augen und schlief ein.

Als er wieder wach wurde, war es dunkel geworden. Vom Gang her war ein leises Lachen zu hören und das Schlurfen schwerer Schritte. Im Garten war es still. Er drehte den Kopf, sah, dass der Sessel, der neben seinem Bett stand, leer war.
Er schloss die Augen und wartete.

Dieser Text wurde in der Literaturzeitschrift Der Fliegenpilz (Ausgabe No. 4) veröffentlicht.

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