Uninspiriert

Aus dem Alltag

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Ich war es leid, auf den leeren Bildschirm zu starren. Nur den Cursor anzuglotzen, der seit Stunden blöde vor sich hinblinkte. Ich konnte ihn nicht leiden. Ein geistreiches Wort fand sich nicht. Es war zum Kotzen. Wieder einmal klappte ich den Laptop zu und schob ihn beiseite, seit Wochen hatte ich keinen brauchbaren Satz mehr geschrieben. Es begann, nervig zu werden. Ich stand auf und holte mir eine Flasche Wein. Ich fand, Trinken war eine angemessene Beschäftigung für jemanden, der sich wichtig vorkam.
Der Wein schmeckte nach Kuhpisse.

Ich lümmelte mich auf die Couch und suchte nach der Fernbedienung. Den Wein gab ich nicht aus der Hand, auch wenn er so fad schmeckte, wie sich meine jüngsten Texte lasen. Wegschütten mochte ich ihn auch nicht, also kippte ich ihn in mich hinein und schwor mir, beim Weinkauf künftig mehr auf Qualität zu achten. Ich konnte es nicht ausstehen, wenn Alkohol vergeudet wurde. Ich nahm einen tiefen Zug, rülpste und schaltete die Stereoanlage ein.

Warum war das mit dem Schreiben so schwierig geworden? Am Anfang war alles so leicht gegangen. Ich hatte gelacht über die Kollegen, die von Unsicherheit laberten und von Schreibblockaden. Von der Angst, nicht anschließen zu können an vergangene Erfolge. Vom Zwang, dass jeder Text besser werden musste als der vorige.
Klar, hatte ich gedacht. Wo lag das Problem?

Der Alkohol war es nicht. Die Sauferei kam erst, als die Musen längst abgezogen waren. Jetzt schäkerten sie wahrscheinlich mit einem anderen Typen und machten ihm weis, dass er der Größte war. Bullshit. Ich trank die Flasche leer und wechselte zum Whiskey. Da konnte man sich wenigstens einreden, ein zweiter Hemingway zu sein. Ein Genie, knapp vor dem Durchbruch.
Auch wenn man bloß ein Säufer war.

Nach dem zweiten Scotch war ich blau. Es muss am Wein gelegen haben. Ja, der Alkohol. Beim Schreiben war er nicht hilfreich. Keine Ahnung, wie Hemingway das hinbekommen hatte. Aber alles hatte er schließlich auch nicht auf die Reihe gekriegt, sonst hätte er sich wohl kaum das Hirn aus dem Schädel gejagt. Ich fand diesen Gedanken tröstlich. Er musste mit einem Scotch begossen werden.

‚Now don’t be a cry baby when there’s wood in the shed. There’s a bird in the chimney and a stone in my bed.‘, sang Tom Waits, als ich den Whiskey ins Glas goss. Mir wurde übel. Wie jeder vernünftige Mensch hasste ich es, wenn ich Wahrheiten zu hören bekam. ‚When the road’s washed out they pass the bottle around and wait in the arms of the cold, cold ground.‘

Wann, fragte ich mich, hatte ich begriffen, dass Schreiben ein Geschenk war? Ein brüchiger Friede mit dem Universum, das einem ein Stück weit teilhaben ließ an seinem Reichtum. Ein Brunnen, aus dem man letztlich nur das schöpfen konnte, was in einem steckte. Was jetzt in mir steckte, waren eine Currywurst, eine Flasche billigen Rotweins und drei Whiskeys. Welche literarische Großtat war da zu erwarten?

Wie jeder ambitionierte Säufer beschloss ich, das Trinken aufzugeben. Ich konnte das. Wollte nüchtern zum Schreiben zurückfinden, weil die Musen dann endlich erkennen würden: wir haben ihn zu Unrecht verlassen, so schlecht war der nicht. Wir wollen ihn wieder küssen. Auch wenn er schon mal besser ausgesehen hat. Ich griff nach der Flasche, das musste gefeiert werden.
Sie war leer.

Ich saß auf der Couch, das leere Glas in der linken Hand und die Flasche in der rechten. Starrte in den dunklen Raum hinein. Hörte Tom Waits zu, der wenig Empathie zeigte und mir zuraunte: ‚Till we bury every dream in the cold, cold ground.‘

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