Wo Byzanz ganz nahe ist

Lakonien - Griechenland

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Es geht bergan. Den ganzen Hügel entlang zieht sich die Stadt und auf der Spitze wartet die Festung auf dehydrierte Besucher. Die Steinpfade sind glatt getreten von Heerscharen unzähliger Sohlenpaare und ich frage mich, wie viele aufgeschlagene Knie sie wohl im Lauf der Jahrhunderte gesehen haben. Es müssen eine ganze Menge gewesen sein.
Die Zikaden knattern so laut wie ein ganzes Umspannwerk und die Sonne lässt ihre Strahlen mit bemerkenswerter Härte zu Boden fallen. Das Thermometer zeigt standesbewusste fünfunddreißig Grad. Ein Blick noch auf den Hügel, ich schiebe mir die Sonnenbrille fest auf den Nasenrücken und setze die Kappe auf. Dann gehen wir los, mitten hinein in eine Wunderwelt.
Denn wir sind in Mystras.

Das byzantinische Reich war ein Hort der Zivilisation. Reich an Ideen und materiellen Dingen und für einige Zeit auch Bollwerk gegen osmanische Expansionspolitik. Aber sein wahrscheinlich größter Feind lag im Westen.
Die Kreuzfahrer waren es auch, die Mystras gegründet hatten. Christliche Glaubensbrüder zu bekämpfen war offenbar lohnender, jedenfalls aber deutlich ungefährlicher, als muslimische Invasoren zu vertreiben. Aber lange gehalten haben sie sich trotzdem nicht.
Die Byzantiner haben sich dann wohl gedacht, ja, eigentlich kein schlechter Platz für eine befestigte Stadt. Warum nicht weiter ausbauen, wenn diese blonden Barbaren schon mit der Arbeit angefangen haben? Und komisch, da sagt der Westen den Griechen immer ein wenig Faulheit nach, dabei sind sie einfach nur praktisch veranlagt.

Kaum ein Gotteshaus strahlt eine so behagliche Wärme aus wie eine byzantinische Kirche. Die Architektur wirkt nie wuchtig, der Raum teilt sich in zahlreiche Nischen und Seitenkapellen und die spirituelle Kraft wird verstärkt durch eine kaum vorstellbare Allgegenwart an Fresken.
Wohin man auch blickt, schaut ein Heiliger zurück. Ein wenig streng zwar, aber im Grunde doch recht harmlos.

Viele Jahre lang war Mystras einer der bedeutendsten Orte des Peloponnes. Heute ist es eine Ruinenstadt, nur noch ein Frauenkloster wird bewohnt, aber die meisten Gebäude sind in einem überraschend guten Zustand. Wenn die italienische Infrastruktur so beinand wär‘, die täten sich alle zehn Finger abschlecken.

Mittlerweile haben wir die vierte oder von mir aus auch sechste Kirche verlassen, wer zählt schon so genau mit? Die Zikaden haben offenbar grade Rauchpause und die Touristen sind hier oben auch eher weniger als mehr geworden und reden tun die jetzt auch nimmer so viel. Nur die afrikatauglichen Deutschen lesen einander noch Auszüge aus dem Reiseführer vom Michael Müller Verlag vor, bevor sie ein Foto machen und hinter der nächsten Ecke wieder verschwinden.
Eine Zeit lang schaue ich noch dorthin, wo sie gerade eben dozierend gestanden sind. Dann mache ich uns eine Packung Cracker von Papadopoulou auf.

Mächtig stolz bin ich, als wir erst kurz vor drei zum Mittagessen aufkreuzen, in dieser netten Taverne, bloß ein paar Kurven von der Ruinenstadt entfernt, aber ich mein‘ natürlich nicht dieses Xenia-Restaurant, wo sie local food und Pizza gleichermaßen anpreisen. Mächtig stolz bin ich, dass wir heute sogar die Griechen geschlagen haben, weil die sind sicher schon eine Stunde früher essen gegangen. Aber den freundlichen Kellner kann das nicht beeindrucken.
Der weiß, wo wir grad waren und dass wir ansonsten zwölf-Uhr-dreißig-Esser sind.

Und mit einer tausendfach geübten Bewegung deckt er unseren Tisch und reicht uns die Karte.

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