Hörsturz

Aus dem Alltag

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Der Mann im dunkelblauen Anzug war unzufrieden. Seine Mittelohrentzündung war auch nach einer Woche nicht in den Griff zu kriegen und dieses Rauschen und Pfeifen im rechten Ohr wollte einfach nicht verschwinden. Die Sache begann lästig zu werden. Und nun, am frühen Montagmorgen, saß er in der Hals-Nasen-Ohren-Ambulanz und starrte auf eine Tasse Kräutertee. Er würde heute wohl später zur Arbeit kommen.
Dachte er.

‚Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen‘, meinte die junge Ärztin. Und sagte es dann tatsächlich. ‚Es ist auch das Innenohr betroffen, Sie hatten einen Hörsturz. Wir würden Sie gern ein paar Tage hierbehalten.‘ Der Mann im dunkelblauen Anzug nickte ungläubig und legte seine Stirn in Falten. Das wirkte wenig dekorativ. Hören konnte er dadurch auch nicht besser. ‚Einen Hörsturz, wie denn das?‘, dachte er.
Dachte ich.

‚Ich heiße Christian‘, sagte Christian. Und reichte mir die Hand. Er sah so aus, wie ich mich fühlte. Das Pfeiffersche Drüsenfieber saß ihm tief im Leib und ließ seine jungen Kräfte in jenem Maße schwinden, wie Leber, Milz und Mandeln anschwollen. Mein anderer Zimmergenosse schien in einem unruhigen Traum gefangen, stöhnte gelegentlich und wälzte sich von einer Seite auf die andere. Ich öffnete meinen Spind und begann mich zu entkleiden.
Kaum im Pyjama, fühlte ich mich tatsächlich krank.

Cortison tropft behäbig in meine Venen, während ich darüber sinniere, was eigentlich ein Hörsturz ist. ‚Ohrinfarkt‘ meint Wikipedia dazu recht lapidar, die einzige Quelle, die ich mir gestatte nachzuschlagen. Noch fürchte ich die zahlreichen Foren wie der Wurm die muntere Amsel. Die Faktenlage ist ohnehin verstörend. Mein Hörverlust, so sagt man mir, misst zwischen vierzig und sechzig Dezibel und erstreckt sich fröhlich pfeifend quer über den vermessenen Frequenzbereich. Die Skala reicht bis hundertzwanzig. Ein mittelschwerer Fall also. Fein.
Ich bin durchaus beunruhigt.

Das rechte Ohr hat dicht gemacht und fühlt sich an, als wäre es mit Watte vollgestopft. Statt klarer Töne liefert es Begleitmusik, auf die ich glatt verzichten könnte. Die Ärzteschaft verordnet Cortison und meint, man werde dann schon weitersehen. Ein Hörsturz sei eine komplexe Sache und das Innenohr ganz generell recht unzugänglich.
Ich zeige mich zuversichtlich.

In der ersten Nacht werde ich um null Uhr achtundfünzig mein Bett verlassen, weil ich feststellen muss, dass das Schnarchen zweier erwachsener Männer in einem Frequenzbereich liegt, der selbst von einem halb tauben Ohr problemlos wahrgenommen werden kann. Werde auf einen mäßig beleuchteten Gang treten, mich auf einem der bunten Plastiksessel niederlassen, tief atmen und mitanhören, wie aus Zimmer fünf laute Volksmusik dringt, die ich nicht näher definieren mag. Dann werde ich beobachten, wie eine Krankenschwester energisch herbeieilt und der Nachtmusik ein harsches Ende setzt.
Ich werde müde und mutlos sein, weil das Cortison nichts zu bewirken scheint. Mein rechtes Ohr verweigert sich der Welt, das Rauschen und Pfeifen will einfach nicht verschwinden.
Die Uhr am Gang zeigt ein Uhr vierzehn.

Bei der morgendlichen Visite schlagen mir die Ärzte vor, mein Trommelfell zu durchstechen und Cortison direkt ins Mittelohr zu injizieren. Ich will das nicht.
Ich sage ja.
Und werde panisch.
Ein junger Arzt rät mir zur Ruhe. ‚Entspannen Sie sich. Hören Sie Musik‘, meint er.
‚Mit dem linken Ohr.‘

Es wird Zeit für einen beherzten Selbstversuch. Also greife ich nach meinem iPod, die Liedauswahl überlasse ich dem Zufall. ‚Die Zeit schmeckt heut‘ schal wie der fuffzigste Tschik. I bin ma net sicher, wie’s weitergeht‘, strömt der Ton einwandfrei ins Ohr. Ins linke. Im rechten klingt es deutlich dumpfer. Und scheppernd. Und verzerrt. ‚I kann die Lähmung net vertreiben und die Angst vorm Versagn sperrt mi ein.‘ Schönstes Steirisch aus drei Kehlen. Zumindest auf der linken Seite. Es ist frustrierend. ‚So frei, wie man sein kann, so frei will i sein. I will brennen, i will schreien. Wie das Feuer will i sein.‘ Mir wird kalt.
Ich nehme die Stöpsel aus dem Ohr und verstaue das Gerät im Etui.

Der Hörtest am Folgetag zeigt eine mäßige Besserung. Fünf bis fünfzehn Dezibel. Immerhin. Am subjektiven Hörempfinden freilich hat sich nichts verändert. Die Ärzte beschließen, die Perforierung meines Trommelfells zu vertagen. Die Richtung stimme.
Die Botschaft hör‘ ich wohl. Rechts klingt sie eigenartig dumpf.

Im Lauf der Woche werde ich ‚Zähne zeigen‘ von Zadie Smith lesen. Es ist ein grandioses Buch. Und dick. Ich werde feststellen, dass mein älterer Zimmergenosse ein ebenso freundlicher wie gebildeter Ägypter ist. Ein Mensch, der Nagib Machfus nicht für einen orthopädischen Defekt hält. Und der so leise spricht, dass er für einen spontanen Hörtest wie geschaffen scheint. Ich werde überrascht zur Kenntnis nehmen, dass man mit Vorarlbergern kommunizieren kann, ohne auf Fremdsprachen zurückgreifen zu müssen. Und Ich werde mich daran gewöhnen, mein Abendessen um vier Uhr nachmittags einzunehmen.
Ich werde Doris auf den Fuß treten, die plötzlich neben mir steht. Ich habe sie nicht kommen hören. Sie bringt mir meine neue Jahreskarte der Wiener Linien. Im beiliegenden Gutscheinheft findet sich ein Bon für die Ausstellung ‚Hands up – Die Welt der Gehörlosen‘.
Ich bekomme fünfundzwanzig Prozent Ermäßigung.

Am Ende der Woche werde ich entlassen. Die Audiometrie zeigt eine weitere Verbesserung, der Hörverlust pendelt nun zwischen zwanzig und fünfundvierzig Dezibel. Es geht voran. Nur eben langsam. Hören kann ich freilich immer noch nicht besser, aber was sollen sie mit dir machen? Einen Meldezettel kannst du im Spital nicht ausfüllen.

‚Alles Gute, Christian‘, sage ich zu Christian. Und reiche ihm die Hand. Er sieht nun deutlich besser aus, auch wenn er mittlerweile aus beinahe allen seinen Seminaren geflogen ist. ‚Anwesenheitspflicht‘ ist mitunter ein hässlicher Begriff. Der freundliche Ägypter ist vor einer halben Stunde gegangen, ein Strauß Blumen steht noch auf seinem gewesenen Nachttisch und sieht einer ungewissen Zukunft entgegen. Dann trete ich auf den Gang und schalte den iPod ein.
‚So frei, wie man sein kann, so frei werd‘ i sein. I werd‘ brennen, i werd‘ schreien. Wie das Feuer werd‘ i sein.‘

Mein rechtes Ohr fühlt sich an, als wäre es in Watte gepackt. Die Stimmen, die ich höre, sind verzerrt. Das Rauschen und Pfeifen will einfach nicht verschwinden. Ich atme durch. Und fasse Mut. Dann nehme ich die Stöpsel aus dem Ohr, verstaue das Gerät im Etui und verlasse das Krankenhaus.

Fortsetzung folgt.

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