Zuversicht

Aus dem Alltag

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Der Schlüssel dreht sich matt im Schloss. Einmal, zweimal, dann bin ich allein in der Wohnung. Ich stehe im Vorraum, starre unmotiviert auf meine Hausschuhe und höre, wie sich hinter Doris die Aufzugtüren schließen. Ein dumpfer Druck lastet nach wie vor auf meinem rechten Ohr, die Ohrmuschel ist merkwürdig unempfindlich und das Rauschen und Pfeifen mag einfach nicht aufhören. Ich bin missmutig.

Im ORF läuft Frühstücksfernsehen. Ich lasse mir von der guten Laune, die penetrant verbreitet wird, meine üble nicht verderben und missbrauche das Moderatorenduo für einen spontanen Hörtest. Das Resultat ist niederschmetternd. Links klar und menschlich. Rechts dumpf und praktisch Micky Maus. Es ist frustrierend.
Ich schalte aus und schlurfe ungelenk ins Bad.

‚Halten, halten‘, meint die Kinesiologin, während sie resolut an meinen Extremitäten werkt. Mal zieht sie dran, mal drückt sie gegen Arm und Bein und wirkt mitunter unzufrieden. ‚Der Gallen-Meridian ist völlig blockiert‘, sagt sie und ich getraue mich nicht zu fragen, welche grobstofflichen Konsequenzen dies noch zur Folge haben könnte. Außer einem Ohr, das rüde seinen Dienst versagt natürlich.
Dann macht sie sich daran, emotionalen Ballast aus meiner Vergangenheit aufzustöbern und zu löschen. Das klingt nach gar nicht wenig Arbeit, wie ich meine, ich bin ein Mensch von beinah fünf Jahrzehnten. Es könne sein, meint sie danach leichthin, dass mir eine unruhige Nacht bevorstünde. Denn etwas, das plötzlich fehle, hinterlasse eine Lücke. Ich zweifle stark, doch nicke kurz. Ich habe grundsätzlich Achtung vor Dingen, die ich nicht verstehe. Wie Radioaktivität etwa oder Werke von Elfriede Jelinek. Es ist nicht alles Scharlatanerie, was man selbst nicht zu fassen vermag. Abschließend stellt sie mir eine Bach-Blüten-Mischung zusammen, die ich interessiert entgegennehme. Vier Tropfen, viermal täglich.
In der darauffolgenden Nacht finde ich kaum Schlaf.

‚Einen Hörsturz? Was machen Sie für Sachen, Herr Lipp?‘ Der Osteopath, ein an sich recht wortkarger Mensch, kennt mich. Und meine Halswirbelsäule. Mein Hörsturz ist ihm neu, mir ist er schon zuwider. Mir fällt auf, dass der Osteopath soeben mehr als fünf zusammenhängende Wörter mit mir gewechselt hat. Ich bin gerührt. Dann zücke ich die Ergebnisse des letzten Hörtests und erzähle meine Geschichte.
Wenig später lerne ich, wie kräftig man an einem Ohr zerren kann. Und dass es etwas zu bewirken scheint. Wenn man es denn richtig macht.

Mein Hinterkopf ruht sanft in warmen Händen, während der Energetiker sein Drittes Auge gebraucht, derweil die beiden anderen geschlossen bleiben. ‚Niere und Blase‘, stellt er dann fest, es scheint nicht gut bestellt um meine Meridiane dieser Tage. Und piekt hernach mit viel Verve nach jener Stelle am Ohrläppchen, die das Innenohr repräsentiert. Ich nässe mich beinahe ein.
Vierzig Minuten später verlasse ich die Praxis mit einem Fläschchen ätherischer Öle. So oft wie möglich hinter die Ohrmuschel reiben. Auf die Unterseite des Fußes. Auf die Niere. Und abends, wenn möglich, entlang der Wirbelsäule. Mein Tag scheint ausgefüllt.

Als erstes leiht sie mir ihr Ohr, es ist ja meines kaum zu gebrauchen. Dann schaut sie auf meine Zunge. Und plötzlich bin ich auf der Liege und habe feines Nadelwerk im Körper. 3E21 und Gallenblase 8, Leber 3 und LG20 und noch ein gutes Dutzend Punkte mehr, dies alles bleibt nicht ungestochen. Ich liege hingestreckt und wirke reichlich hölzern. Beim ersten Mal zumindest. Schließlich setzt sie mir eine Dauernadel an jene Stelle am Ohrläppchen, die das Innenohr repräsentiert und ich nässe mich beinahe ein.
Herrschaftszeiten.
Der Grundinfekt, meint sie, sei immer noch im Körper. Da sind wir jetzt schon vier. Weil der Osteopath, der hat das auch gesagt, und der Doris bleibt sowas ohnehin nicht verborgen, die erkennt einen kranken Mann, wenn sie einen sieht. Erst recht, wenn es der ihre ist. Und dieser Mann nachts hustet und sie partout nicht schlafen kann.
Ein paar Nadeln mehr also. Zur Stärkung des Immunsystems. Und damit die Stirnhöhlen freier werden. Nur zu, denke ich mir und schließe feig die Augen.
In der folgenden Nacht wird mein Husten schlechter. Dann hört er auf.

Die Tage verfliegen wie das Herbstlaub im Wind und allmählich verebbt der Druck auf das Ohr. Zuweilen kommt er wieder, macht das Ohr wieder dicht. Doch es geht voran, wenn auch nur äußerst zögerlich. Der Hörtest wird abermals besser. Es fehlt noch ein Stück, doch nicht mehr viel. Nach vier Wochen beginnen auch die verzerrten Stimmen zu schwinden. Ich vermisse sie keineswegs.
Der Tinnitus und ein gelegentliches Rauschen aber sind mir geblieben.

Morgen werde ich wieder zur Arbeit gehen. Ich greife nach dem Fläschchen mit den ätherischen Ölen und streiche ein paar Tropfen hinter mein rechtes Ohr. Dann nehme ich meine Bach-Blüten, lösche das Licht und gehe zu Bett.

Nichts währt ewig in unserer Welt, hat Charlie Chaplin einst gesagt.
Nicht einmal unsere Sorgen.

Fortsetzung folgt. Beizeiten.

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