Wir in den Waben
- August 04, 2026
- by
- Verena Dolovai
Ein Werktag wie jeder andere. Im U-Bahn-Schacht der Strom der Menschen, mit dem ich weitergeschoben wurde als Teil einer Masse, die ein bestimmtes Ziel hatte. Einen Ort, den es zu einer bestimmten Zeit zu erreichen galt. Einen Platz, den es zu besetzen galt, bevor ein anderer ihn besetzte. In Waben arbeitete ich wie die meisten meiner Artgenossen. Das Tagwerk verrichtete ich, bis es so dicht wurde, dass es in die Nacht drang, die mir von da an zum Tag wurde. Meine Schlafstunden reduzierten sich sukzessive. Ich spürte, wie ich mich langsam, aber sicher dem Wahnsinn näherte. Am schlimmsten war das Stechen im Kopf, das sich im Laufe des Tages einstellte und am Nachmittag zu einem unerträglichen Schmerz anschwoll. Das Pochen in den Schläfen, das lauter wurde, das Ziehen in meinem Gehirn. Das Klopfen meines Herzens. Der Körper ein Hohlraum mit Eigenleben. Nichts hatte er mehr mit meinem Kopf zu tun. Ich war zerfallen.
Abhilfe schafften Medikamente, die in den Waben lagerten. Doch die Nebenwirkungen waren schlimmer als der Schmerz. Ich hörte wie ein Luchs, sah wie ein Adler, roch wie ein Hund, nahm alles in einer Intensität wahr, die mir unheimlich war. Vor allem wurde ich davon hellwach und blieb es. Aber auch dagegen gab es eine Pille.
Die Arbeitsbelastung in den Waben war so hoch wie nie zuvor. Die Schnelligkeit, in der Nachrichten einlangten, die Erwartung, dass sie unvermittelt beantwortet wurden. Ein Ping Pong im Postfach. Arbeit, die keinen Anfang und kein Ende hatte. Geräte, die nie auskühlten. Erreichbarkeit rund um die Uhr. Das Aufbrechen von Zeit.
Die auserwählte Wabe war frei. Hinter mir schloss ich die Tür. Ich drehte den Computer an. Vor meinen Augen öffneten sich einige Anwendungen, der Posteingang mit fett gedruckten Lettern bestückt. Unbearbeitete Post. Zehn Updates, die zu machen waren. Starten Sie das Gerät neu.
Ich zog meine Jacke aus und legte mich auf den Boden. Es roch nach Reinigungsmittel. Ich schloss die Augen, hörte Schritte der Kollegen vor meiner Bürotür. Doch keiner würde es wagen, die Tür zu öffnen. Noch nicht. Noch war alles wie immer: Stille in meiner Wabe hinter der Tür. Das Klackern der Tasten. Bald würden sie es vermissen. Ihre Ohren an meine Tür heften, lauschen. Dann würden sie klopfen, innehalten. Doch ich würde keine Antwort geben. Würde liegenbleiben, bis sie die Tür mit Gewalt aufbrechen würden. Denn ich hatte sie versperrt.
Ich würde im nächsten Monat siebzig werden. Dem körperlichen Abbau, der sich seit Jahren bemerkbar machte, steuerte ich mit regelmäßigen Sporteinheiten entgegen. Setzte mich aufs Fahrrad, lief kilometerweit. Getrackt mein Puls, meine Pace, mein Kalorienverbrauch. Ich trank Proteinshakes. Ich aß vegan. Die Haare zu färben kostete mich anfangs Überwindung, doch nach ein paar Mal gehörte es zur monatlichen Routine.
Und doch musste ich das Schwinden meiner besten Jahre resigniert zur Kenntnis nehmen. Else, die meinen Geburtstag mit einem Enthusiasmus vorbereitete, als stünde ein Jubiläum historischen Ausmaßes bevor. Die Gästeliste wurde länger, Namen, die mir nur mehr vom Hörensagen bekannt vorkamen. Buchstaben, die vor meinem Auge verschwommen. Die Location exklusiv, im Grünen auf einem entlegenen Schloss. Dass es ein Vermögen kosten würde, beschwerte ich mich. Das Fest wäre nur für die anderen, beklagte ich mich. Oder für Else. Sah mich auf einer Insel. Unter einem Sonnenhut aufs Meer hinausblickend.
Was hatten wir für Träume! Damals, als wir jung waren. Gebildet wollten wir gegen das Unrecht in die Welt ziehen, uns für Menschenrechte einsetzen, die Umwelt retten und das Ozonloch stopfen. Die Musik war uns genug, Grunge eine Lebensweise. Wie oft waren wir im Kino! Was haben wir gelesen! Zeitgeschichte eine Lehre und unser grausamer Begleiter. Schwarz-weiß-Filme über die dunklen Epochen des 20. Jahrhunderts, den ersten Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise, den zweiten Weltkrieg. Kalter Krieg, gegen Atomkraft und für freie Liebe, der Aufschwung. Der wachsende Wohlstand in unseren Breiten. Dann Tschernobyl. Die Angst vor Strahlung allgegenwärtig. Erste Mobiltelefone, die behäbig in der Hand lagen, die smart wurden. So wie alle Geräte. Die Digitalisierung. Die KI.
Wir, die Gen X wollten es doch besser machen. Wollten die Guten sein in einer gerechteren Welt. Übrig ich, ein Performer der Leistungsgesellschaft, ein Diener der KI. Die Arbeitsfähigkeit müsse erhalten werden, hörte ich in Webinaren, das höchste Gut: Humankapital. War es das? Die KI auf der Überholspur, wir, die liegen blieben.
Es klopfte.
Ich blieb liegen.
Das Klopfen wurde energischer.
Ich blieb liegen.
Ich hörte, wie sich jemand am Schloss zu schaffen machte. Oder bildete ich mir das ein?
Stimmen über mir. Ich meinte, jene meines Vorgesetzten zu erkennen. Als läge ich unter Glas. Es ging mich nichts an, was er sagte. Als ziehe eine Böe an mir vorüber. Es war gut so. Unbeteiligt war ich an dem Schauspiel, das ich offenbar darbot. Ein Staunen meinte ich zu bemerken. Um mich herum wuselte es. Und plötzlich: Else. Ihre hohe Stimme, ihr Entsetzen. Ein Rütteln an meinen Schultern. Ein Tätscheln meiner Wangen, das nichts Liebevolles an sich hatte. Eher so, als würde man mich wachprügeln wollen. Else! Der Geruch von Desinfektionsmittel. Etwas Kaltes auf meiner Brust. Die Stimmen wurden leiser. Und dann war es still.
Noch unveröffentlicht.
Verena Dolovai, geboren 1975 in Gmunden, freie Schriftstellerin, lebt in Klosterneuburg. Studierte Rechtswissenschaften und Dolmetsch- und Übersetzerwissenschaften an der Universität Wien.
Ihr Romandebüt „Dorf ohne Franz“ (Septime Verlag 2024; Taschenbuch bei Blessing Verlag / Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH 2026) stand auf der Shortlist Österreichischer Buchpreis / Debüt 2024 und war für den Österreichischen Buchpreis FRANKREICH 2025 nominiert.
Hans Weigel-Literaturstipendium des Landes NÖ 2024/25, Projektstipendium für Literatur 2026/27 des BM Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport.
Verena Dolovai
Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Verena Dolovai, die Bildrechte bei Doris Lipp.



